Dienstag, 20. Mai 2008

TABULA RASA.

"Tabula Rasa" ist zwar ein eigenartiger Titel, eignet sich jedoch hervorragend, um "reinen Tisch zu machen" - denn der letzte und somit abschließende Blogeintrag steht an.

Lange bevor Reiseantritt, und zwar am 11. September 2007, ist der erste Blogeintrag gepostet worden und mittlerweile ist der Blog auf 26 Beiträge und unglaubliche 64 Kommentare (steigend!) angewachsen.
Nun gibt es im finalen Eintrag noch einige Leckerlies für Euch: wir werfen einen Blick hinter die Kulissen, es werden noch die ein oder anderen Geschichten erzählt, der Rückflug von Auckland nach Frankfurt wird in gewohnter Manier natürlich auch eingehendst beleuchtet und nicht zuletzt folgt eine kleine sentimentale Danksagung.

Zuersteinmal aber das Abenteuer Fliegen, Auckland - Frankfurt via Seoul.
Bevor ich den Rückflug gen Heimat antreten durfte, musste der Flug zuvor bei der Airline telefonisch bestätigt werden. Dies sollte in den Tagen vor dem eigentlichen Flug geschehen und so nahm ich erneut den Kampf mit Warteschleifen und Ansagerobotern auf. Nach kurzer Wartezeit wurde ich dann auch durchgestellt und erfreulicherweise bot mir die Dame am anderen Ende der Leitung ein von der Airline (Korean Air) bereitgestelltes Hotelzimmer für die Nacht in Seoul an. Angenehm überrascht nahm ich bereitwillig an, einen halben Tag im Flugzeug und 17 Stunden Aufenthalt in Südkoreas Hauptstadt in Aussicht machten mir die Entscheidung leicht. Dabei betonte sie, dass das Hotel „gleich neben dem Flughafen“ liege. Gleich ist relativ. Schon Mutti weiß, dass die Aussage „ich räume gleich mein Zimmer auf“ eher auf irgendwas Fernes innerhalb der nächsten Wochen abzielt, als auf das, worauf Mutti eigentlich hinauswill. So auch in diesem Falle: „gleich neben dem Flughafen“ heißt, einmal rings ums Flughafengelände, bis auch der letzte Leuchtmast abgefahren wurde (Frankfurt ist im Vergleich zum Seoul Incheon Flughafen ein kleiner Provinzlandeplatz), vorbei an ins Endlose auslaufende Rollfelder, Cargo-Frachthäfen und Service-Arealen. Schlussendlich ging es dann eine Behelfsstraße hinein ins südkoreanische Nirgendwo. Auf meiner Mission zum Hotel begleiteten mich diesmal ein stets kaugummikauender und überaus kommunikativer Türke namens Erdogan, der jedoch reichlich jünger war, als sein Name vermuten lässt, ein „Kebab-Business“ in Neuseeland unterhält und nun seine Familie in Deutschland besucht. Sowie eine vermutlich 16-jährige Münchnerin, die Neuseeland natürlich über alles liebt und nun in Stille trauert, da sie es verlassen muss (dank ihrer Körperfülle fiel mir gleich Trauerklößli ein, was ich aber schleunigst wieder verworfen habe).
Im Hotel angekommen, stellte es sich als durchaus annehmbar heraus, geräumiges Zimmer und Bad, alles sauber und so sank ich todmüde aber dankbar ins Bettchen. Aber natürlich ist der simpelste Bettgang nicht ohne Anekdote erzählt: nachdem ich die Tür zum neuen Heim aufgestoßen hatte, suchte ich vergebens nach Licht. Minuten verstrichen, ich begann arge Selbstzweifel zu hegen und raffte es einfach nicht. Im zimmereigenen Flur war ein Bewegungsmelder installiert und so sprintete ich von Flur zum Wandpanel für die Lichter hin und her, da das Licht logischerweise nach zehn Sekunden wieder ausging und ich in kompletter Dunkelheit stand. Beim Spurten sollte man allerdings achtgeben, nicht über die tausend Paar Schuhe zu fallen, die überall im Zimmer stehen (in Asien ist es wunderliche Sitte, beim Betreten eines anderen Raumes gleichzeitig die Schuhe zu wechseln).
Kurz vor der Kapitulation hörte ich nebenan unseren türkischen Freund Erdogan in gebrochenem Englisch klagen: "It is too hot in here!" ("Hier ist es viel zu warm!") - ich konnte gar nicht anders, als plötzlich lauthals loszulachen. Schon beim Einchecken an der Rezeption erklärte uns die Dame die Frühstücks- und die Abholzeit zurück zum Flughafen. Dazwischen lagen aber noch ein paar Stunden und der Türke starrte die Rezeptionistin verdutzt an: "Hä? Und was mach ich da zwischen Frühstück und Abholung?" - zum Schießen.
Wie dem auch sei, es ist immer noch zu heiß im Hotelzimmer. Der zur Hilfe geeilte Page musste dann, nachdem er ihm die Klimaanlage erklärt hatte, auch für mein Lichtproblem herhalten (sein Gesicht drückte in diesem Moment sowas aus wie: "Oh du meine Güte, diese prassligen Europäer!"). Letztenendes musste einfach nur der Anhänger vom Zimmerschlüssel in den raumeigenen Bewegungsmelder gesteckt werden und wie von Geisterhand ging mir ein Licht auf.
Am nächsten Morgen ging es dann per Shuttlebus wieder zurück zum Flughafen und weiter Richtung Heimat. Nachdem mich mein Muddchen in Frankfurt abgeholt hatte, erwartete mich ein kleines aber feines Empfangskomitee, bestehend aus ein wenig Familie und ein wenig Freunde. Exklusives Bild hier:


So, nach wieder viel zu viel Text folgt nun ein kleines Bombardement mit Zahlen und Statistiken:
  • Insgesamt bin ich 12.066 Kilometer gefahren und zwischenzeitlich ist sogar der 200.000 Kilometerstand-Geburtstag des Blusterfischs (Nissan Vanette 1986) gefeiert worden.
Ein paar Statistiken zum Blog selber (Stand: 20.Mai 2008):
  • Seitenaufrufe: ca. 1.700 (der Besucherzähler unten in der rechten Leiste zählt nur die Besucher, nicht die totalen Seitenaufrufe)
  • Durchschnittsbesuchszeit: 1:54 Minuten
  • meisten Besucher kamen aus Dresden, dicht gefolgt von Berlin und Frankfurt a. M.
  • am längsten hat es ein Besucher aus Schwerin auf der Seite ausgehalten (2h und 3min) und dabei 22 Seiten durchblättert

Deutschland mit Fleckfieber, die drei Top-Städte sind aber eindeutig zu erkennen - je größer der "Fleck", desto höher die Besucherzahl.

Gibt man bei Google seinen Suchbegriff ein, bekommt man tausende und abertausende Seiten präsentiert. Die häufigsten den Blog betreffend waren "Blogspot Maria Dresden" oder auch "Nzlreport", dahinter kommt schon die Suchanfrage "Spargelkönigin".
Hier eine kleine Vorstellungen von den skurillsten Begriffen, die - aus welchen Gründen auch immer - auf meine Seite verlinkt haben:
  • "Bilder Frauenumkleide" (mein Favorit, kurz & prägnant - kann man sich direkt vorstellen, wie ein kleiner untersetzter Mittfünfziger mit schuppiger Haut im abgedunkelten Kämmerchen auf seinen Bildschirm starrt)
  • "Betrunken im Auto Handbremse gelöst" (das könnte durchaus bös enden)
  • "Die Enkelin meiner Urgroßcousine" (Na, das ist doch ganz glasklar: das ist die Urgroßnichte 2. Grades, da die Großcousine der Enkelin die Großnichte 2. Grades ist, das weiß doch jedes Kind!)
  • "Ständig nörgelndes Kleinkind" (reizende Geschöpfe, gemäß dem Spruch: "Ich liebe Kinder, ich schaffe bloß kein Ganzes.")
Die Statistiken wurden mit Google Analytics erstellt.

Den Abschluß bilden noch ein paar danksagende Sätze.
Natürlich zuallererst an meine Eltern, ohne die dieses "Abenteuer", die Möglichkeit so ein Projekt umzusetzen, niemals zu realisieren gewesen wäre. Nicht allein durch finanzielle "Starthilfe", sondern auch, was alle anderen Belange angeht. Die mir den Rücken freigehalten haben, auf Ämter gehirscht sind, nervlich gelitten und mich mit Klatsch & Tratsch aus der Heimat versorgt haben, immer ein offenes Ohr (bzw. ein empfängliches Mailfach) hatten und die hoch geschätzten "Westpakete" geschickt haben, die meine Augen zum Strahlen brachten.
Dieser Dank geht an gleicher Stelle natürlich auch an den Rest der Familie, die eifrig Pakete ans andere Ende der Welt geschickt haben, gefüllt mit Kaffee, Schoki und Zeitschriften.
Weiterhin sei allen Freunden gedankt, die trotz der Entfernung mit Mail und Chat fleißig Heimweh geschürt haben und im Vorfeld so fantastisch mit Abschiedsfeiern und nun auch Willkommensfeiern sind.
Ich bedanke mich an dieser Stelle auch bei Euch Bloglesern, die mir die Treue gehalten haben und besonders bei den fleißigen Kommentarschreibern. Hervorzuheben sind da zum einen die Qualitätsschreiberin Tante Briti (evtl. selber Blog schreiben?, ich habe zum Teil köstlich gelacht) und zum anderen die Quantitätsschreiberin, das Wiebchen, die fast jeden Eintrag kommentiert hat - das ist absolute NZL-Report-Spitze.

Also denn, ein letztes Mal verabschiedet sich Eure ehemals-Kiwi-Maria und nun wieder freudestrahlende Dresdnerin.

Bei bei!


PS: Das hätte ich ja fast vergessen - noch was zum Schmunzeln: dieses Schild mit der Aufschrift "Come in and have your faith lifted" (in Anlehnung an "face-lifting" soll man nun seinen Glauben "erneuert" lassen) stand in Hawera vor der Kirche. Urkomisch.

Dienstag, 13. Mai 2008

Bürokratie vs. Klein-Maria in die Verlängerung

Wie im letzten Blogeintrag bereits versprochen, gibt es nun Neuigkeiten im Spiel Neuseeländische Bürokratie vs. Klein-Maria zu berichten.

Sepp Herberger formulierte einmal hochpoetisch "Das Spiel dauert 90 Minuten."- er kannte die Verlängerung nicht.
Nach Beenden des letzten Eintrag stand es 1:0 für die neuseeländische Bürokratie, doch ich ließ nichts aus, um auszugleichen. Gestern besorgte ich mir alle notwendigen Dokumente und versicherte mich nocheinmal kurz mit der Dame am Schalter. So und so siehts aus, sind das die Dokumente, die ich brauche? - "Na ja, Formular IR886 brauchen Sie nicht, Sie sind ja kein neuseeländischer Staatsbürger.". Oh, böse Blutgrätsche vor meiner Abwehrreihe. Aber das war mir ganz Recht, ein Formular weniger auszufüllen.
Sodann machte ich mich, euphorisch wie man bei Ausfüllen von Steuerdokumenten nur sein kann, ans Werk. Dort ein Häkchen, dort eine Nummer eingetragen, die Minuten verstrichen, aber ich konnte alles einigermaßen zügig ausfüllen. 1:1. Klein-Maria holt auf. Ab in die Verlängerung, Sepp Herberges 90 Minuten waren um.
Doch was dann? Korrekt, Bürokratie läuft zur Grundlinie, Bananenflanke, Toooooor zum 2:1- was war geschehen? Wir schauen uns das nochmal in Ruhe in der Zeitlupe an:
Zum Ausfüllen des Hauptformulars gibt es eine kleine Hilfsbroschüre (63 Seiten) und Anleitungen, wie man seine Steuerrückzahlung zu berechnen hat. Das habe ich ordnungsgemäß gemacht und am Ende stand da eine ziemlich mickrige Summe: 97 Dollar und paar Zerquetschte. Von anfänglichen "Alles-zurück"-Versprechungen runter auf ein paar Kröten, das schmerzt. Also nochmal aufs Amt gerannt, die Frau Beamtin erklärte nicht ganz ohne Schadenfreude, dass man lediglich die Steuern an bestimmte Steuersätze angeglichen bekommt, aber niemals die kompletten Steuern erstattet. Niemals. Na vielen Dank. Gut, ein Gegentor in der Verlängerung, das ist hart, aber nicht unaufholbar.
Wieder zurück vom Behördengang überreicht mir Brenda Post vom Steueramt. Na heu, was gibt es denn im dicken Umschlag?
(Mittlerweile bin ich wieder in New Plymouth, da bereits übermorgen mein Flieger nach Deutschland geht und ich von New Plymouth aus die Steuerangelegenheiten und andere organisatorische Dinge besser erledigen kann, als von Hawera aus.)
Formulare! Ach, ist das schön, ich habe gerade mit mir selbst gehadert, ob der ganze Aufwand für ein paar Dollar überhaupt Sinn macht und just im selben Moment kommen neue Papiere zum Ausfüllen. Das ist die ganz miese Tour, Kollegen, denn sie haben ein weiteres Formular mitgeschickt, IR10 (was auch immer das ist, ich habe noch nicht näher reingeschaut, mir steht es langsam sonstwo). 3:1, der Ball eierte zum Innenpfosten und von dort kullerte er hinter die Linie. Unschön.
Werde mich jetzt also nochmal der Sache annehmen, alles nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen, dann abschicken und mit den weisen Worten eines Jürgen Klinsmann kommentieren: "Das sind Gefühle, wo man schwer beschreiben kann.".

Ansonsten erledige ich nebenbei allen anderen Kram (z. B. Autoversicherung gekündigt, Bankangelegenheiten, Packen, Frieren...), morgen geht es per Bus von New Plymouth nach Auckland, zu Sylvia & Brian (Freunde von Brenda & John), bei denen ich schon die ersten Nächte in Auckland verbracht habe und sich so der Kreis schließt und meine Reise quer durch Neuseeland endet.
Donnerstag Vormittag heißt es wieder einmal "Ready for take-off" und über Südkoreas Hauptstadt Seoul wird Frankfurt, wo ich Samstagabend eintreffen werde, angeflogen.

In freudiger Erwartung auf Euch alle verabschiedet sich
Eure Noch-Kiwi Maria

Montag, 5. Mai 2008

Klein-Maria im Kampf gegen die Bürokratie

Manche Dinge, liebe Leser, ändern sich nie - bzw. sind auch am anderen Ende der Welt nicht sonderlich anders.

So zum Beispiel die heißgeliebte Bürokratie. Ach, auf deutsche Ämter zu gehen gleicht einem unbeschreiblichen Gefühl. Sachbearbeiter/-innen, die ihren persönlichen Frust unverhohlen abladen, Strukturen, die sich gegenseitig in die Quere kommen, Öffnungszeiten, die sich nach Mittagspausen ihrer Mitarbeiter ausrichten und vor allem eins: warten.
Ein absoluter Traum, der bezeichnende Spruch: "Immer wenn ich ein Amt verlasse, möchte ich Terrorist werden" ist zwar ein wenig drastisch, bringt das allgemeine Empfinden jedoch schön pointiert zur Sprache. Wer aber nun denkt, das sei ein ganz spezielles Phänomen nur allein der Deutschen, der irrt gewaltig.

Im Zuge meiner Vorbereitungen zu diesem Neuseeland-"Abenteuer" habe ich so einige Behördengänge hinter mich bringen dürfen, die Erlebnisse stehen in den Anfangseinträgen dieses Blogs. Nun, da es wieder zurück in die Heimat geht, wiederholt sich der Bürokratiek(r)ampf. Im Detail heisst das: neuseeländische Steuererklärung. Hurra!
Hoch motiviert bin ich an die Sache herangegangen, nicht zuletzt gelockt von Sirenengesängen, die die komplette Rückerstattung aller bisher gezahlten Steuern versprachen, noch dazu sei die sogenannte Steuerrückerstattung auch noch bequem per Internet zu bearbeiten und dauere nicht die Welt. Kurzum: mir wurde das Blaue vom Himmel versprochen.

Sollte es ein böses Omen sein, dass es seit Tagen unentwegt regnet und der Himmel stets mit einer trist-grauen Decke überzogen ist? (Noch dazu ist es eiskalt, ich will Sommer - jetzt!).
Jedenfalls wurde Jon in Bell Block um Rat gebeten, durch ständige Beherbergung von WWOOFERn (willing workers on organic farms - freiwillige Arbeitskräfte, die unentgeltlich auf Farmen arbeiten und im Gegenzug Verpflegung und ein Dach überm Kopf erhalten) wird er schon die richtigen Tipps parat haben.
Das notwenige Formular kann man online ausfüllen und in wenigen Schritten hat man sein Ziel erreicht.
Es scheiterte schon am Punkt 2 des Formulars. Bitte geben Sie Ihre DLN-Nummer an. Hä? Die was? Mmh, Jon hatte auch keine Ahnung und so wurde kurzerhand die Hotline angerufen. Ansageroboter! Ah, natürlich bleibe ich in der Leitung, auch wenn es mehrere Minuten dauern kann. Kein Problem, ich bin ja von Natur aus geduldig.
Stunden später erklärte mir dann eine besänftigende Glockenstimme, dass meine DLN-Nummer erst noch erstellt werden müsse und das beansprucht leider einen ganzen Tag - ergo: bitte rufen Sie morgen wieder an.
Habe ich dann auch gemacht, die Dame nun am Hörer reagierte verdutzt auf meine Anfrage bezüglich der DLN-Nummer. "Wie, Sie haben gestern schon angerufen? Nee, eine Nummer seh ich hier nirgends. Hat die Kollegin von gestern leider vergessen. Aber kein Problem, rufen Sie einfach am Montag wieder an. Ach, und Sie brauchen noch ein weiteres Formular. Und diesem hängen Sie dann bitte noch ein Beleg an, dass Sie das Land auch tatsächlich verlassen." - Aha. Schön zu wissen.

Heute habe ich wieder zum Telefon gegriffen, das Kind in mir freute sich wie zu Weihnachten: "Heute gibts die DLN-Nummer! Juhu!".
Komischerweise schien halb Neuseeland die Nummer der Hotline zu wählen, ich schloss innige Freundschaft mit dem Ansageroboter ("Die Leitung ist leider überlastet, wenn Sie möchten, bleiben Sie in der Leitung und nehmen etwas längere Wartezeiten in Kauf oder rufen Sie einfach später nochmal an"), lernte die Texte der Musikschleife auswendig, versorgte mich mit Kaffee, las interessiert Zeitung und stöberte im Internet.
Zugegebenermaßen bin ich ein wenig erschrocken, als eine reale Stimme mich begrüsste. Ja, ich würde gern meine DLN-Nummer in Erfahrung bringen. Doch dann brach eine Welt für mich zusammen: "Gute Frau, für Sie kann keine DLN-Nummer erstellt werden, da Sie weniger als 12 Monate in Neuseeland verbracht haben. Weiter ist es für Sie leider nicht möglich, das Steuerrückerstattungsformular im Internet auszufüllen." - Ich rang um Fassung. Und erklärte ihr, dass ich bereits mehrere Male angerufen habe und dort meine Nummer versprochen bekommen habe, meine Güte nochmal. Nach kurzem Gezeter der nächste Schock: ich brauche noch ein Formular (jetzt waren es drei). Freundlich und höflich, aber bestimmt, erklärte ich ihr, dass hier doch irgendwas im Busch ist. Jedesmal, wenn ich anrufe, kommt ein Formular hinzu?! "Ja, aber jetzt haben Sie alle Formulare, die Sie brauchen!", versicherte sie mir eindringlich. Kapitulierend wiederholte ich die mehrseitigen Formulare und ließ mich bestätigen: Also, ich fülle IR3-2008, IR50 und IR886 aus und sende das dann zu Ihnen, ist das soweit korrekt? Ist es, gab sie zurück und entschuldigte sich mehrmals dafür, dass ich durch was auch immer total konfus gemacht worden bin.
Zum besseren Verständnis: IR3-2008 umfasst sechs Seiten, IR50 zwei und IR886 fünf Seiten. Das wird ein Spass.

Momentan steht es 1:0 für den neuseeländischen Behörden-Goliath, aber ich kämpfe weiter und halte Euch auf dem Laufenden.

Freitag, 25. April 2008

Es muchtet!

Treue Blogleser,

gestern ging offiziell meine Neuseelandrundreise zu Ende. Wohlbehalten sind sowohl Blusterfisch als auch ich abends wieder in Hawera angekommen.

Von Auckland ging es die vergangenen Tage nach Rotorua und dann weiter zurück nach Hawera. In Rotorua angekommen, stand der Besuch eines typischen Maori-Dorfes sowie ein kleiner Spaziergang am Lake Rotorua auf dem Plan. Abends übernachtete ich dann bei Kate's Cousine, die ein Apartmentblock mit Seeblick unterhält. Zum Aufpäppeln gab's Hühnerbrühe und ein kuschlig-warmes Heiabettchen. Nun ja, mir ging es schon schlechter :)
Doch diese wohlige Zwischenstation war angesichts des Plans für den Folgetag auch dringend notwendig: in und um Rotorua gibt es so einiges zu sehen. Nicht nur zu sehen, nein auch zu riechen. Denn, um es mal mit gepflegtem Sächsisch auszudrücken: es muchtet dermaßen, man denkt, es verätzt einem die Atemwege. Faule Eier, überall.
Gut, als erste Station wurde das Maori-Dorf Whakarawera angesteuert, dann ging es weiter ins Waimangu Valley, das ich ca. 2 1/2 Stunden durchwandert habe und schließlich nach Waiotapu, dem selbsternannten "thermalen Wunderland".

Whakarawera, kurz nur Whaka genannt, gibt einen ersten Eindruck auf das, was einen noch später erwartet: es dampft aus Felsspalten, es blubbert in Schlammlöchern und es liegt ein strenger Schwefelgeruch in der Luft. Zwischen alldem wohnen tatsächlich Maoris in einfachen Hütten und gehen ihrem alltäglichem Leben nach. Unvorstellbar. Schon allein die tausenden Touristen, die in organisierten Gruppen durch das Dorf geschleust werden und selbiges wortwörtlich überrollen, würden mir als Dorfbewohner den Rest geben. Vom Gestank ganz zu schweigen.

Weiter dann ins Waimangu Valley, was man auf eigene Faust auf verschiedensten Wanderwegen erkunden kann. Man läuft stets bergab, bis auf einen kleinen Abstecher, der auf eine Anhöhe führt und von der aus man einen tollen Blick übers Tal genießen kann. Am Ende des Tales gelangt man an den Lake Rotomahana mit beeindruckendem Blick auf den zur Zeit ruhenden Vulkan Tarawera (1111m). Ein Bus-Shuttle fährt fußlahme Wanderer nach einer mehrstündigen Wanderung von dort aus zurück zum Ausgangspunkt.
Unterwegs sind wieder Terrassen, dampfende Felsspalten und brodelnde Kraterseen zu bestaunen, dieses Mal aber von einer vielfältigen Flora gesäumt.

Weiter Richtung Süden, nach Taupo, und man gelangt zum Waiotapu "Wunderland", was tatsächlich mit einer atemberaubenden Kulisse aufwarten kann. In einem Rundgang führen kombinierbare Wege durch Waiotapu, wieder stinkts und blubberts an jeder Ecke, Schwefelhöhlen, Krater mit Namen wie "Infernokrater" und giftgrüne Wasserlöcher.
Höhepunkt ohne Frage natürlich der "Champagne Pool" nahe der "Artist Palette", über die ein Holzsteg führt. Am Ende des Rundgang gelangt man zum Lake Ngakoro, einem smaragdgrüner See.

Immer noch den Schwefelgeruch in der Nase habend ging es dann weiter südlich gen Hawera, der neuseeländischen "Heimat" und zurück zum zivilisiertem Leben mit warmem Bett, fließend Wasser, Strom und was die heutige Zeit sonst noch für Luxus mit sich bringt.
Auf eine komplette Auswertung meines Neuseelandaufhaltes dürft ihr Euch Mitte Mai freuen.

Noch ein paar Infos am Rande:
Momentan versuche ich eifrig den Blusterfisch zu verkaufen, was angesichts der Tatsache, dass nun Winter wird und die meisten Touristen/Backpacker das Land verlassen, keine einfache Angelegenheit ist. Zu allem Überdruss hat der kleine Van davon auch noch Wind bekommen und schien wenig glücklich darüber zu sein, dass seine Pflegemutter ihn abstoßen will.
Und so schnappte eines schönen Tages die Türe laut plautzend zu - mit meinem Finger noch drin. Unglücklicherweise hatte ich da aber schon den Bippus heruntergedrückt, sodass die Türe nun abgeschlossen war. Komischerweise bemerkte ich sekundenlang nichts. Ich schaute auf den jetzt eingequetschten Finger und dachte: Mmh, irgendwas an diesem Bild passt nicht. Ehe ich bemerkt habe, dass Schmerzen meinen Körper durchjagen und das der Autoschlüssel, sprichwörtlich der Schlüssel zur Erlösung, auch noch in der Hosentasche auf der Seite des gequetschten Fingers und somit nur artistisch erreichbar ist - Stunden sind verstrichen.
Letztenendes habe ich meinen Zeigefinger doch noch aus den Klauen des Blusterfischs befreien können und nun zeugt nur noch ein blau-purpur-roter Flatschen von diesem "Zwischenfall".

Ansonsten nutze ich nun die freie Zeit um Organisatorisches abzuwickeln und natürlich auch, um den Blog auf Vordermann zu bringen.
Durch Zufall ist mir aufgefallen, dass die Karte, die rechts in der Spalte angeboten wird, bereits ca. 1000 Mal angeklickt worden ist. Und ich sie seit Monaten sträflichst vernachlässigt habe! Dem wurde nun Abhilfe geschaffen, die Karte ist seit Neuestem top aktualisiert (und irgendwie brutal bunt).
Auch die Fotogalerie ist wieder ein wenig angewachsen: Bilder aus und um Rotorua sind zu finden, sowie ein, exklusiv nur für Euch!, Foto von meiner ehemaligen Arbeit im Schlachthaus. Dies als kleines Schmankerl.

Viel Spaß beim Anschauen wünscht wie immer Euer Kiwi-Mädel Maria!


PS: Nur für Dich, mein Papü:

Dienstag, 22. April 2008

Das Philosophische Quartett

Ausnahmsweise mal ohne seinen zwei Protagonisten mitsamt Gästen, die sonst für tiefgründige Konversationen im Öffentlich-Rechtlichen sorgen - stattdessen kommen nun eingefleischte Ur-Kiwis zum Zuge, hitzig debattierend, in Rage gestikulierend und ich mittendrin.

Leidenschaftliche Diskussionen, in denen jegliches Empfinden für Raum und Zeit verloren zu gehen scheinen, kommen immer mal wieder zu Tage.
So auch letztens bei der zweiten Cocktail-Karaoke-Party bei Jenny & Dave im März (Fotos sind in der frisch aktualisierten Galerie zu finden, ansonsten glich die Feierlichkeit der ersten Cocktailparty (zum Nachlesen: Eintrag Kuriositäten aus dem Alltagsleben)): schon leicht angetüdelt hat mich Dave in ein Gespräch verwickelt, und so wurde, von der Party seperariert, innerhalb von zwei Stunden und mehreren Mixgetränken die Weltgeschichte der vergangenen 70 Jahre und die damit zusammenhängenden Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft komplett durchgenommen. Auf Englisch. Mit Promille im Blut.
Atommächte und solche, die es werden wollen, Supermächte, Schutzmächte - alles dabei. Klingt kompliziert, war es auch. Nun ja, man kennt es ja, je tiefer ins Glas geschaut, desto kompromissfreudiger wird es, schließlich hört man sich dann selber mehr und mehr beim Reden zu und bestätigt das eben Gesagte mit einem imaginären Schulterklopfen. Bei sprachlichen Barrieren nickt man etwaige Miss- bzw. Unverständnisse einfach lächelnd weg. Um einen produktiven Extrakt des Gesprächsstoffes geht es schon lange nicht mehr; nein, Konsens finden, 1-2-3, Hast Du noch zu trinken oder ist Dein Glas schon wieder leer?, Ach, eigentlich sind sich Kiwis und Europäer ja doch nicht so fremd, eigentlich haben wir uns doch alle lieb.
So weit, so gut.

Nun wird das Ganze aber durchaus spannender: Weltgeschichte bleibt, Tiefgründigkeit sowieso, Englisch erst recht. Aber: kein Alkohol, dafür stellt Euch folgende Situation vor: ihr, seit drei Wochen quasi heimatlos am anderen Ende der Welt, umherreisend in Kälte, Sturm und monsunartigem Regen (dazu später mehr), ohne fließend Wasser und Strom, habt in Auckland endlich ein warmes Bettchen plus Dach überm Kopf gefunden.
Es ist acht Uhr in der Früh und die erste Amtshandlung des Tages besteht darin, Kaffee zu beschaffen. Viel. Heiß. Ohne Zucker, wenig Milch. Ihr schlurft in die Küche, noch etwas umnachtet, automatisiert erfolgt der Griff zur Kanne und - die Kühlschranktür, die die letzte Zutat Milch beherbergt, zum Greifen nah - plötzlich plärrt es durchs Haus: "Good mornin' !", und fünf Minuten später findet man sich, immer noch schlaftrunken, in einer weiteren Diskussion wieder: "Würdest Du Dein Leben so führen wollen, wie es Deine Eltern leben?" - Alarmglocken schrillen, Fangfrage! Nächste Frage? "Wie sieht Dein zukünftiges Leben aus? Schon mal darüber nachgedacht, Dein Konzept komplett über den Haufen zu werfen und so zu leben, wie es Dir in den Sinn kommt? Nein? Warum nicht? Und überhaupt - Amerika... und China erst!". Uff. Mittlerweile ist es gegen Zehn, mein Schädel dröhnt und Ben entschuldigt sich mehrmals dafür, dass er mich "challenged", herausfordert. Das ist ok. Ich habe Kaffee, nur die Uhrzeit, die ist für seine verbalen "Attacken" etwas unglücklich gewählt.

Ben, das ist ein Mitte Vierziger, der mit seiner Frau Kate sowie drei Kindern (16, 12 und 6) in Auckland lebt. Sie sind gut befreundet mit Brenda und John aus New Plymouth, die mir meine derzeitige Gastfamilie "vermittelt" haben.
Bereits letzte Woche war ich wieder auf die Nordinsel zurückgekehrt und habe meine Rundreise fortgesetzt. Über mehrere Zwischenstationen (über Ostküstenstadt Napier ging es landeinwärts zum Lake Taupo und weiter gen Norden) bin ich in Coromandel gelandet, der landschaftlich äußerst reizenden Halbinsel im Norden. Problem: die Jahreszeit. Mittlerweile ist Herbst eingezogen und das bedeutet vor allem eins: Regen. Viel Regen. Es mutet wahrscheinlich banal an, aber was mit ein paar Tropfen begann, entwickelte sich zu einem monsunartigen Guss, wie ich ihn nur selten erlebt habe. Wahnsinn. Ich wurde depressiv, genervt und ein wenig mulmig war mir auch zumute. Mit dem Blusterfisch konnte ich nur noch eine 50 fahren- wie es die Scheibenwischer geschafft haben, die sintflutartigen Wassermassen beiseite zu schaufeln, ist mir ein Rätsel. Es ging nicht mehr. Es regnete permanent, Tag und Nacht - was soll man denn da noch großartig unternehmen bzw. reisen? Kapitulation. Kurzerhand habe ich also Ben in Auckland angerufen, ihm theatralisch meine Situation geschildert und ein paar Minuten später bekam ich den erlösenden Rückruf, dass ich mehr als willkommen sei ein paar Nächte in Auckland zu bleiben. Mir fielen ganze Felsen vom Herzen.

Dies war nun vor ca. einer Woche, inzwischen nimmt man rege am Familienleben teil, Fussballtraining mit dem Kleinsten, Einkaufen im Supermarkt (Stress!) und nicht zu vergessen: morgendliche Debatten mit dem Gastvater und abendliche Gespräche in der Küche mit der Gastmutter, die unter dem ockerfarbenen Pulli auch schonmal ein Che Guevara-Shirt trägt. Aber dennoch: sehr reizende Leute.
Zwischendurch bin ich, als sich das Wetter einigermaßen gebessert hatte, weiter Richtung Norden aufgebrochen. Auf dem Reiseplan standen Cape Reinga (die äußerste Nordspitze Neuseelands) und Kauri-Wälder mit riesigen Kauribäumen, die zum Teil älter als 2000 Jahre sind. Was für ein Abenteuer. Ein Zwei-Tage-Trip, der es durchaus in sich hatte.
Ben warnte mich eindringlich davor, dass das letzte Stück Highway zum Cape Reinga lediglich eine Schotterpiste ist. Klein-Maria nimmt das zur Kenntnis und denkt sich in ihrem sturen Kopf: na ja, das war vielleicht vor mehr als zehn Jahren, mittlerweile ist das doch schon längst asphaltiert, schon allein wegen den Touristenmassen. -Genau.
Auf der Fahrt zum Cape erlaubten mir dutzende Baustellen immer mal wieder einen Blick in meine Reiseführer: "...Ausflugsstrasse [...] Versicherungsschutz für Mietwagen erlischt". Bitte? Das ist nun mehr als ungünstig, wenn man sowas während der Fahrt dahin liest, und nicht davor. Nun gut, dachte ich weiter, der Reiseführer ist ja auch schon ein paar Jährchen alt, so schlimm wirds schon nicht sein, zur Not dreh' ich um. Bitterer Ernst wurde es dann tatsächlich: "Last 21km unsealed.", prangerte ein großes weißes Schild, "die letzten 21km nicht asphaltiert". Na klasse. Im Schneckentempo und mit schwitzigen, grabschenden Finger hielt ich das Lenkrad umklammert, stets sowas murmelnd wie: "Oh liebster Blusterfisch, Du schaffst das, schau, nur noch 15km und der Rückweg, halt durch mein Kleiner". Einen 22 Jahre alten Van ohne Vierradantrieb sollte man nicht zu so einer Tour nötigen. Wirklich nicht.
Zum Glück aber haben mein inständiges Bitten und gutes Zureden geholfen, Stück für Stück kämpften wir uns Richtung Cape. Tatsächlich wurden aber schon Bauarbeiten zur Asphaltierung aufgenommen, sodass man quasi auf einer Schotterpiste, auf der der Versicherungsschutz für Mietwagen erlischt, und später Baustelle neben Planierraupe und Bagger Richtung Nordspitze fährt. Wenn das nichts ist.
Dort angekommen, bietet sich ein wunderschöner Blick über Landschaft, Meer und nicht zuletzt Leuchtturm, fast ohne Touristen (wie auch, ohne Mietwagen, hehe).

Am Folgetag bin ich dann die Westküste entlang wieder Richtung Auckland gefahren und unterwegs habe ich noch einen Abstecher zu den Kauri-Wäldern gemacht. Dort wieder die Wanderschuhe geschnürt und hinein in den Regenwald. Wirklich sehr schön, Touristen Fehlanzeige, man hat die Wälder nahezu für sich allein und das erlaubte eine ausgedehnte Wanderung zu den höchsten und breitesten Bäumen und ein paar weiteren, die noch mehr Superlativen erfüllen.
Abends bin ich dann wieder in Auckland gelandet und habe mich an der Tatsache warmes Bett in Kombination mit Dusche und Abendbrot erfreut.

Morgen geht es in die Landesmitte nach Rotorua, vulkanaktives Gebiet mit brodelnden Seen, Geysiren und vieles mehr, was stinkt und knallt, dann zurück nach Hawera, organisatorische Dinge abwickeln (Blusterfisch verkaufen) und dann sehen wir uns alle ja schon bald wieder :).

In diesem Sinne, Eure Maria

Freitag, 11. April 2008

"Ready for take-off?!"

...Diese Frage habe ich nun etwas eher als geplant zu Ohren bekommen. Eigentlich sollte ich das rhetorische Abklären des "zum Start Bereitseins" erst Mitte Mai vernehmen, wenn es wieder ins gute alte Deutschland geht. Doch irgendwie, ihr kennt die Chose, kommt immer alles etwas anders...

Hallo erstmal liebe Leser, diese kurze Einleitung soll einführen in meine Erlebnisse auf der Südinsel Neuseelands.
Angefangen am Zweiten diesen Aprils ging es mit dem Blusterfisch Richtung Wellington, wo ich anderthalb Tage verbracht habe, um festzustellen, dass es dort nichts zu sehen gibt. Sodann ging es per Fähre auf die Südinsel. Schon das kurze Erblicken der Touristenmassen löste bei mir urplötzlich imaginären Ausschlag aus. Mich fröstelte es.
Nun ja, die Überfahrt an sich ist nun weniger spektakulär, sage und schreibe drei Stunden dauert selbige. Nach dem Anlegen in Picton verließen dann die Massen fluchtartig das Schiff, auf in eine andere Welt, hetzend und drängelnd, wie man es sonst nur bei Schnäppchenangeboten im Supermarkt kennt. Furchtbar- ich war wieder für eine lange Zeit von Menschenmassen geheilt.
Ich fuhr als Erstes Richtung Norden, in den Abel Tasman National Park, mit seinen wunderschönen Stränden rund um die Golden Bay und übernachtete, schon recht weit im Norden der Südinsel, in Collingwood, einem kleinen verschlafenen Nest am Rande des Nationalparks. Trotz der anstrengenden Fahrt über beschwerliche Serpentinstraßen habe ich am Ende des Tages noch die Wanderschuhe geschnürt und mich zu einem kleinen Strandspaziergang mitsamt dem obligatorischen Muschelsammeln aufgerafft. Was Collingwood tatsächlich auszeichnet, ist das, was es nicht hat: Menschen. Mutterseelenallein und nur vom Wind gepeitscht konnte man den schier endlosen Strand entlangwandern und etwas Abstand vom Trubel der letzten Tage gewinnen.
Die folgenden Tage ging es weiter die Westküste entlang, wo es, um ehrlich zu sein, bis auf pfannkuchenartig aufeinandergehäufte Felsblöcke am Strand (Pancake Rocks) nicht wirklich viel zu sehen gibt. Interessant wurde es dann aber doch noch: der Highway, der entlang der Küste entlangverläuft, führt durch die Orte Franz Josef Glacier und Fox Glacier, ehe es landeinwärts über die neuseeländischen Südalpen geht. Diese beiden Orte stehen stellvertretend für die namensgleichen Gletscher, die aus den Alpen Richtung Küste auslaufen. Und hier schließt sich auch der Kreis zur Einleitung: angeködert von einem Absatz im Reiseführer wollte ich unbedingt einen Rundflug über die Südalpen machen, ein Rundflug über die beiden Gletscher sowie Neuseelands höhstem (Mount Cook) und zweithöchstem (Mount Tasman) Berg. Also nichts wie hinein ins Buchungsbüro in Franz Josef Glacier, nach kurzem Smalltalk war dann auch die Geldkarte gezückt und überwiesen. Ach ja, und wann geht der Flug? In einer halben Stunde? Ach, mmh, ja dann, ich hol bloß fix meine Kamera... Nach einem kurzen Trip zu einer außerorts gelegenen Buckelpiste mit dem Schild "Airport" standen dann sechs Hansel verlorenwirkend um eine kleine Propellermaschine herum. Unser Pilot, Tony, exakt genauso, wie man sich einen urigen Piloten vorstellt, ein wenig untersetzt, Vollbart, Hang zu flachen Witzen: "Es kann sein, dass ihr mich teilweise schlecht versteht, aber das liegt am lauten Motor. Wir bevorzugen jedoch, dass der Krach macht." -Hihi. Langsam wurde mir mulmig. Hast Du Dir das auch gut überlegt?
Tony jedenfalls bat nun alle nacheinander zum Einsteigen- bis ich plötzlich allein da stand. "Ach", witzelte er in seiner umwerfend charmanten Art, "Dich habe ich ganz vergessen.". Natürlich nicht, klein Maria durfte auf dem Co-Piloten-Sitz Platz nehmen. Fachmännisch wurde ich vergurtet, mit Kopfhören ausgestattet und meine elegant geschwungene Sonnenbrille verlieh mir den letzten Touch zum authentischen Co-Piloten. Nur mit der Einstellung haderte es etwas. "Ach du meine Güte", wurde es in meinem Kopf unüberhörbar lauter, nur noch vom rasend pochendem Herzen übertönt. Von den anderen Touri-Passagieren wegen des de Luxe-Sitzplatzes mit missgünstigen Blicken bedacht, hätte ich mich jedoch lieber an tausend andere Orte gewünscht. Es gab kein Zurück mehr.
Es war das fantastischste Erlebnis seit Langem. Es waren atemberaubende, absolut überwältigende Minuten über den Wolken, mein Sitzplatz ließ mir uneingeschränkte Blicke über alle Instrumente des Cockpits und die nahezu endlose Bergwelt zu. Traumhaft.
(Bilder folgen demnächst, bitte habt etwas Geduld).

Immer noch die sagenhafte Kulisse im Kopf habend, ging es weiter nach Haast, dem letzten Ort an der Westküste, bevor es über den Haast Pass über die Alpen geht. Und hier nimmt das sogenannte Insomnia-Trauma seinen Lauf. Bettfertig und bereit zum Schlaf habe ich noch schnell die Karte für die nächste Fahrt studiert, als plötzlich mehrere kleine Fliegen ins Innere des Blusterfischs strömten. Diese kleinen Knispen, genannt Sandfliegen, sind ziemlich lästige kleine Beissviecher, die gerade in der Dämmerung nach Blut lechzen. Dass der Van etwas undicht ist, habe ich während starken Regens bereits in Collingwood festgestellt. So war es nicht weiter verwunderlich, dass nun Sandfliegen, trotz geschlossener Fenster und Türen, zu mir hervordrungen. Doch auf einmal wurden es immer mehr: wie eine biblische Plage versammelten sich rund um den Van tausende dieser kleinen tanzenden Punkte. "Ich muss hier weg", schoss es mir durch den Kopf, egal wohin, einfach nur weg. Im Schlafanzug hinters Steuer geklemmt ging es per Bleifuss und einhändig die Straße entlang. Mit der anderen Hand wurden - soweit möglich - Sandfliegen totgeschlagen. Eine Sisyphus-Arbeit. Auf eine totgeschlagene Sandfliegen kamen zehn neue. Dass Sandfliegen eine derbe Plage auf der Südinsel sind, wusste ich bereits vorher, aber in diesem Ausmaß? Sicher nicht.
Weiter die Straße entlang, Richtung Haast Pass. Kurz vor Anbruch der Nacht den Pass der Alpen überkehren, das ist verrückt. Mein Gewissen machte sich wirklich Sorgen. Egal, nur weg von den Fliegen. Mein Gewissen beruhigte ich damit, dass ich, sobald ein kleiner Rastplatz gefunden war, dort übernachte. Gesagt, getan. Man glaubt es kaum, aber in meiner hysterischen Aufgewühltheit habe ich nicht tatsächlich den Himmel auf Erden gefunden?! Einen Campingplatz am Lake Wanaka, kurz hinter Haast Pass, mit Trinkwasserversorgung, Toiletten, Mülleimerchen und Van-Stellplatz direkt am See, eingerahmt von einem kleinen Wäldchen. Ein Traum, dachte ich mir. Preisfrage: Was kommt? Richtige Antwort: Der Schein trügt.
Nach der ganzen Sandfliegen-Anstregung bin ich also schnell nochmal ins klare Bergseewasser gesprungen (ja, es war verdammt kalt, aber das war mir egal) und wieder zum Schlaf ins Bettchen, welches ja immer im Hinterteil des Blusterfischs dabei ist, eingemummelt. Nun döste ich nun langsam in andere Sphären, als ich ein Rascheln vernahm. Einbildung. Rascheln verstärkte sich. Was zur Hölle ist denn nun schon wieder? Doch nicht etwa...? Ich, mein Nervenkostüm zum Zerreißen gespannt, raus aus dem Van, die Hinterluke aufgerissen und meinen Essenbeutel geschnappt, auf den Vordersitz geschleudert und wieder ins Bett gelegt. Plötzlich raschelte es im Beutel, der aber nun auf dem Fahrersitz lag. Reflexartig die Taschenlampe gekrallt und geleuchtet: ein langer, zum Ende auslaufender Schwanz verschwand blitzartig unter dem Vordersitz. Nein! Nicht noch ein Nagetier im Van! Also, in letzter verzweifelter Konsequenz, den Essenbeutel geschnappt und in den Schlafsack zwischen meinen Füßen eingeschlossen. "Da kommst du verfressener Nager nicht mehr ran", triumphierte ich siegessicher. Aber wohl an meinen Schlaf. Das arme kleine süße Mäuschen, dass nun drohte den qualvollen Hungertod zu sterben, gibt sich seinem Schicksal nicht einfach so hin: nein, es forscht in jeder Ecke des Blusterfischs nach Essbarem, wühlt in jedem Beutelchen und raschelt. Und raschelt. Wenn man schon so sensibilisiert ist, steht man bei so einem "Konzert" im Bett. Insofern das im höhenbeschränkten Van überhaupt möglich ist. Das Mäuschen weigerte sich in den nächsten Stunden vehement, den Van zu verlassen. Mir war indes vollkommen schleierhaft, wie es überhaupt eindringen konnte. Nun war es aber einmal drin und suchte eifrig weiter. Es reagierte nicht auf akustische Reize (ohrenbetäubendes Klatschen meinerseits), optische Reize (extremes Blenden mit der Taschenlampe), noch auf liebes Bitten und Betteln. Um herauszufinden, dass einzig und allein das "Erdbebenszenario" (heftiges Ruckeln und Wackeln des Vans) die Maus zur Flucht überreden konnte, vergingen mehrere Stunden kostbaren Schlafs und ich sah am nächsten Morgen dementsprechend "attraktiv" aus.

Ja, und so bestreitet man seine Reise weiter gen Süden, immer mit kleinen Hochs und Tiefs. Landschaftlich ist gerade der äußerste Süden sehr schön anzusehen, besonders die Gegend um Haast Pass und weiter ins Fjördland (Südende), wo auch mehrere Szenen von der einschlägig bekannten Kino-Trilogie rund um einen Kleinwüchsigen mit massiver Fussbehaarung gedreht worden sind.

Mittlerweile bin ich schon wieder auf meinem Weg die Südinsel zu verlassen, die Fähre zurück auf die Nordinsel ist auch schon gebucht. Momentan befinde ich mich in Christchurch und nächtige in einer sechsköpfigen Mädels-WG (ist eigentlich gar nicht so schlimm, wie es sich anhört) und brauche mich, wenigstens im Augenblick, nicht über Sandfliegen oder Mäuse zu ärgern.

Der Blusterfisch, das sei hier kurz angemerkt, hat in den letzten Tagen seinen 200.000 Kilometer-Geburtstag gefeiert und zur Belohnung gehts morgen in die Werkstatt. Er ruckelt beim Beschleunigen ab und zu, ein auf den Weg nach Christchurch befragter Mechaniker meinte, da müssen lediglich ein paar Schräubchen hie und da ausgewechselt werden. Hoffen wir, dass der Mechaniker der Werkstatt, in die ich morgen meinen treuen Weggefährten übergebe, das genauso sieht.

Dank aller Besserungswünsche sei auch nur noch schnell verkündet, dass es meiner kleinen Schnittwunde im Bein auch schon bedeutend besser geht, alles verheilt sehr gut und zügig, keine Infektion oder ähnliches.

Also gut, bis auf Weiteres verabschiedet sich Eure Maria wie immer mit den liebsten Grüßen gen Heimat!

Nachtrag, 11.04.08: Dem Blusterfisch geht es wieder besser, es waren lediglich die Zündkerzen, die erneuert werden wollten. Zuerst wusste der Mechaniker nicht, wo er ansetzten sollte und rechnete mir munter seinen Arbeitsaufwand vor- bis zu 250 Dollar. Vor Schreck stieß ich erstmal einen spitzen Schrei aus und verdrehte die Augen; um dann aber in der nächsten Sekunde das hilflose Rapunzel zu spielen, welches gerettet werden will. Er konnte gar nicht anders als zu beteuern, dass er sein Bestes versucht. Hat geklappt, Preis geviertelt, Rapunzel glücklich.

Montag, 17. März 2008

Von Göttern und Halbgöttern

Liebe Leser,
Ihr werdet Euch sicherlich fragen, was denn in mich gefahren ist. Erst über einen Monat den Blog anstauben lassen, und dann plötzlich gibt es mehr zu lesen, als die Mittagspause lang ist. Aber was kann ich denn dafür, dass erst wochenlag der Alltag regiert und es dann blitzartig in das komplette Gegenteil umschlägt? Aber lest selbst:

(Für neu dazugekommene Leser: um den Strang der Geschichte zu verstehen und die Chronologie aufrechtzuerhalten, bitte erst den Eintrag “Weihnachten die Zweite.” lesen, danach “Stadtkinder.” und zum Schluss der Eintragstrilogie schließlich “Von Göttern und Halbgöttern”).

Heute bin ich trotz leichter Erkältung zum Arbeiten zu Riverlands gefahren. “Das stehst Du auch noch durch”, dachte ich mir, sind ja nur noch zwei Schichten, deren Tage ich in jeder freien Minute vor meinem geistigen Auge herunterzähle.
Also schälte ich mich widerwillig aus dem warmen Bettchen, kippte meinen morgendlichen Kaffee hinunter und lief zum Auto. Nun, verehrte Blogleser, die Preisfrage: was ist aus recyceltem Papier, ca. 40cm x 10cm, ist ein handschriftlich ausgefülltes Formular und – wenn es jetzt nicht schon klingelt, gibt es hier den entscheidenen Hinweis: klemmt am Scheibenwischer? Richtig! Ein Knöllchen, vom Regen gewellt, von der Sonne gegerbt und von mir geliebt. Erinnert Ihr Euch noch an den letzten Blogeintrag, in dem am Ende der Patron zum Schutze erwähnt wird? Der wird sich vermutlich folgendes gedacht haben: “Mmh, Gottes Segen gegen die Abschleppmafia ist ja schön und gut, für 'ne halbe Stunde ist das auch möglich. Aber gleich eine ganze Stunde Beistand?! Den Teufel werd' ich tun! Hauptmann!”. Die einfache Variante wäre natürlich die, das das gestresste (wie kann es anders sein) Marialein die Parkschilder übersehen hat. Das wäre aber zu einfach. Zusammenfassend kann ich sagen: eine klasse Woche für den armen Blusterfisch. Erst wird ihm das Abschleppen angedroht (stand erst auf dem internen Parkplatz eines bekannten Mobilfunkherstellers hinter unserem Haus), dann fällt das über dem Blusterfisch schwebende Abschlepp-Damoklesschwert mit sausender Geschwindigkeit herab und der arme Kleine wird tatsächlich abgeschleppt und nun das: ein Knöllchen. Langsam reicht's, echt jetzt.

Aber was ist denn schon ein Knöllchen? Das wird später eingerahmt und im Zimmer als Andenken aufgehangen. Oder ist es etwa mehr? Womöglich der Auftakt zu einem – Entschuldigung, der Ton und die Contenance gehen gerade flöten – beschissenen Tag...?

Erstmal auf Arbeit angekommen, deutete zunächst nichts auf etwas Ungewöhnliches hin. Heute war mein Tag Extraschicht, heißt, es wird mit Messer, Fleisch und Blut hantiert. Aber nicht mit tierischem Fleisch und Blut. Die Regel “Schneide stets vom Körper weg!” bekommt man schon im Kindesalter eingetrichtet, doch wie so manch anderes ging auch das in meiner Phase des Erwachsenwerdens scheinbar unerklärlicherweise verloren. (Mama, Papa, bitte überspringt den folgenden Abschnitt). Jedenfalls rammte ich mir dann ein Fleischermesser in den Oberschenkel. Das Tolle ist, ich muss an dieser Stelle nicht erwähnen wie es passiert ist, denn – wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen – Eure Sprüche sind mir jetzt schon sicher. So, also das linke Bein des Overallanzug färbte sich nun zusehends ziegelsteinrot, auch die Fleischerschürze war nicht mehr so ganz im Stück. Schnell machte ich auf mein Missgeschick aufmerksam und es brach ein kleines bisschen Panik aus (arg neuseelanduntypisch, Kiwis haben eigentlich immer die Ruhe weg), hektisch wurde nach Kompressen gesucht. Kurz danach – mittlerweile war ich bei unserer Warenausgabe geparkt worden – brach eine heftige Debatte darüber los, wie denn mit der Wunde zu verfahren sei. Fachmännisch wurde diskutiert: “Das muss sofort genäht werden!” - “Sicher?” - “Absolut, da quillt ja schon die Fettschicht raus!”. Bitte? Fett? Mein Lieber, erwähne niemals Fett im Zusammenhang mit einer Frau. Erst recht nicht, wenn die Frau gerade im Schockzustand ist.
Gut, eiligst wurde jemand ranbeordert, der mich zum nächsten Ambulanz fährt, zum Glück ist selbige nur fünf Minuten von Arbeit entfernt. Dort angekommen, beäugte mich die Schwester kurz und meinte abfällig auf meine Aussage, dass ich von Riverlands komme und eine Schnittwunde habe: “Ach, Du verblutest schon nicht, setz' Dich erstmal ins Wartezimmer.”. Ok, bald darauf wurde ich dann auch von den Ärzten in Empfang genommen, kritisch begutachtet und nebenbei wurde sowas gemurmelt wie “Mädel!” oder auch “Wie kann man nur?!”. Nach kurzer Diagnose wurde sofort festgestellt: “Das muss genäht werden!”. Ach du meine Güte, wie jetzt? In echt? Ehe der Arzt auf meinen fragenden und etwas verstörten Gesichtsausdruck antworten konnte, lag ich schon auf der Pritsche. Mittlerweile standen nun schon zwei Doktoren um mich herum und fleischerten munter drauf los. Die Halbgötter in Weiß lugten in die Wunde und Frau Doktor grinste: “Siehst Du? Da ist die Fettschicht”, während sie im klaffenden Etwas in meinem Bein rumpulte. Daraufhin murmelte ich stirnrunzelnd, dass ich kein Fett in den Schenkel habe, was sie mit einem “Ach Herzchen, es ist einfach überall!” weglächelte. Danke auch. Aber Handballer kennen bekanntlich keinen Schmerz, vor allem dann nicht, wenn vorher lokal anästhesiert wurde. Glück gehabt. Dann gab es eine kleine Einführung ins 1x1 der neuseeländischen Nähkunst und mit mehreren Stichen, noch mehr Kompressen und einer Wiedervorstellung nächsten Mittwoch wurde ich dann wieder entlassen. Meine einzige Angst besteht jetzt darin, dass sich die Wunde infiziert haben könnte, denn zuvor wurde mit dem Messer, was ich mir ins Bein gestoßen habe, Fleisch bearbeitet. Aber hoffentlich ist meine Tetanus-Impfe noch aktiv, und um Infektionen auszuschließen habe ich ja am Mittwoch den Wiedervorstellungstermin.

So langsam dürfte mich der Alltag ruhig wieder einholen, ich hätte nichts, aber auch gar nichts dagegen.

Freitag, 14. März 2008

Stadtkinder. (Nachtrag zum letzten Blogeintrag)

Nur eine kurze Info nach Deutschland geschickt: wir sind schon wieder umgezogen. Ehe Ihr Euch nun die Hände über den Kopf zusammenschlagend fragt, was denn nun wieder passiert ist: alles in Ordnung. Keine Panik.

Wie im letzten Blogeintrag bereits erwähnt, war das neue Heim nicht wirklich sauber und reinlich. Gerade als "Rucksacktourist", der dazu noch überwiegend im Van haust, schraubt man seine Ansprüche generell etwas herunter. Man braucht keine vergoldeten Wasserhähne im Bad, keine Edelpatina auf dem Dach oder Esstische aus Edelkirsche. Aber wenigstens eine gewisse Sauberkeit sollte das Heim schon haben. Gerade in der Küche, wo Mahlzeiten und Essen zubereitet werden. Dies war im Haus der älteren Dame, die noch von einer gerade vorgenommenen Hüft-OP laboriert und dementsprechend mobil ist, nicht der Fall. Angerissenes Hundefutter kuschelt zusammen mit anderen Lebensmitteln im Kühlschrank, gammelige Bananen liegen im Schrank für Teller und Tassen und Fliegen überall. Das kulinarische Desaster folgte sogleich am ersten Abend: die Hausbesitzerin war noch im Krankenhaus, wir aber bereits eingezogen und Willi hat sich an das Abendessen für eine Freundin der Hausbesitzerin, die die Tiere und das Haus hütet, und uns gemacht. Chefkochtypisch wurde ich zum Reiskochen degradiert und wie sich später herausstellen sollte, war das eine durchaus dankbare Angelegenheit. Denn, um die Sache mal abzukürzen, Details gibts in Willis Partnerblog, fing der Ofen plötzlich an zu rauchen und zu qualmen. Vorheizen ist anders. Die geplante Hühnchenpfanne löste sich wahrhaftig in Rauch auf, stattdessen gab es schließlich Reis mit Brot.
Ihr seht schon, worauf ich hinaus will: wenn man darauf achtet, sich möglichst nichts beim Zubereiten von Essen einzufangen bzw. die Haushaltsgeräte in der Küche ein solches Zubereiten erst gar nicht erlauben, dann ist irgendwas verkehrt. So kam das Angebot unserer philippinischen Arbeitskollegin (Erdhörnchen) gerade richtig, die uns ein Zimmer in ihrer riesigen Apartmentwohnung offeriert hat.
Jeder Arbeitskollege bekommt von uns im Laufe der Zeit automatisch einen Spitznamen weg, denn in Anwesenheit der betreffenden Person kann man ja schließlich nicht ungehemmt über denjenigen reden. Dank ihrer kleinen, gedrungenen Statue und ihrer mehr als markant-schrillen Lache hat unsere Mitarbeiterin Flora also schnell den Spitznamen "Erdhörnchen" verliehen bekommen, der wirklich wie die Faust aufs Auge zutrifft.
Sie wohnt in der nächstgrößeren Stadt Hawera (11 000 Einwohner), welche ca. 15 Minuten von Arbeit entfernt ist, in einer sehr geräumigen Wohnung mit vier Zimmern und einem Wohnzimmer. Drei Zimmer stehen zur Untermiete und glücklicherweise ist eine ältere Dame gerade ausgezogen, sodass wir freudestrahlend das freigewordene Zimmer nun unser Eigen nennen dürfen. Die anderen Zimmer bewohnen ebenfalls Philippinesen, alle recht freundlich und vor allem: sauber. Das ganze Zusammenleben ist mit einer multikulturellen Jugendherberge zu vergleichen, jeder kommt und geht wann er will, ab und zu trifft man sich in der Küche (sauber!) und abends verschwindet jeder in sein Zimmer. Dazu kommt, dass wir nun endlich wieder mitten in der Stadt leben (Stadtkinder zieht es eben doch wieder zurück) und es ist eine gelungene Abwechslung, wieder zivilisiert in vier Wänden zu schlafen. Noch dazu, wenn keine Kuh durch die Scheibe glotzt und sich im nächsten Augenblick lautstark erleichtert.

Neulich hatten wir Besuch bekommen und Willi und ich schauten uns an: "Na heu, den kennen wir doch!". Richtig, es war ein Schlachter von Arbeit, der dank seinen muslimisc
hen Glaubenshintergrundes die Tiere segnet, die dann in muslimische Länder exportiert werden. Dieses Procedere nennt sich "Halal" und bezeichnet eben diese Tiere, dessen Fleisch mit Extrastempel in besonderen Kartons in die betreffenden Länder hin verschifft wird.
Jedenfalls meinte Willi dann ganz überschwänglich, dass wir nun auch endlich unseren eigenen Terroristen haben, was von mir jedoch mit einem strengen Blick gerügt wurde. Also sowas.

Da die neue Wohnung in einem Lagerhausareal mitten an der Hauptstraße Haweras liegt, befindet sich hinter dem Haus Anlieferungs- und Beladungszonen für die einzelnen Läden. Problematisch ist dies in dem Falle, wenn man sein Auto parken möchte. Und der kleine Blusterfisch ist ja doch schon etwas sperrig, aber nach kurzer Einweisung vom Erdhörnchen hat sich auch ein Parkplatz gefunden. Nun sind wir eines schönen Tages von Arbeit nach Hause gefahren und das Erdhörnchen quieckte ganz erschrocken: "Hey Mary, where's your
van?" ("[...], wo ist dein Auto?"). Gute Frage eigentlich. Verdammt! Wo ist der Van? (Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr merkt, dass was mächtig vor den Baum fährt und es langsam anfängt in den Beinen zu kribbeln?). Genau- wie auf Knopfdruck schaltete sich mein Kopfkino an, ratter ratter, kein Auto - kein Transport - keine Südinsel - kein Reisen - kein Geld - bis zum Ende des Neuseelandaufenthaltes bei Riverlands am Band malochen. Filmriss.
Eine WG-Mitbewohnerin hat gerade Wäsche aufgehangen und kam nun mit betretener Miene und Wäschekorb unterm Arm gekrallt auf uns zu und verkündete die bereits befürchtete Nachricht: "Wir haben ein Problem", (-"Ach, wirklich?", dachte ich mir, "bitte jetzt nicht unnötiges Drama!"), "der Van ist abgeschleppt worden.". Was ist los? Abgeschleppt? Himmel hilf, ich hatte die Handbremse angezogen und den ersten Gang eingelegt, wie schleppt man dann ab, ohne irgendwas kaputt zu wirschen?
Nach einem wirklich anstrengenden Arbeitstag war ich nun auch nervlich dem Ende erschreckend nahe, Flora hat mich dann gleich zum Eigentümer mitgenommen und der hat uns breitgrinsend verkündet, dass er den Van leider abschleppen lassen musste, da er Lieferwege blockiert hat. Flora hatte mir beim Einweisen in die Parkplätze zwar gesagt, dass das Parken dort erlaubt sei, aber vergessen zu erwähnen, dass man dies nur nachts dürfe. Und das schließt "tagsüber" nun mal klassisch aus. Na ja, wie dem auch sei, gegen eine - im Vergleich zu deutschen Verhältnissen - moderate Gebühr (ca. 40 Euro) war der Blusterfisch aus den Fängen der Abschleppmafia befreit und steht nun auf der Straße vor einer Kirche, die hoffentlich ab und zu einen Patron rausschickt, der über ihn wacht und eine schützende Hand über ihn hält.

Anbei noch ein Foto mit Blick auf Haweras "High Street", im Hintergrund Mt. Taranaki, aufgenommen von der Balkonveranda.

Sonntag, 9. März 2008

Weihnachten die Zweite.

Liebe Freunde der seichten literarischen Unterhaltung: zuersteinmal sei eine kleine Entschuldigung vorangestellt, dass ich Euch so lange hab warten lassen. Aber die letzten Wochen bestanden hauptsächlich aus Arbeit (ächz!) und noch mehr Arbeit. Denn, wie der fleißige Blogleser weiß, arbeiten wir vier Tage und haben anschließend vier Tage frei. Durch unsere Gastmutter Judy haben wir nun außerdem noch den Kontakt zu unseren unmittelbaren Nachbarn vermittelt bekommen, die Lilien anbauen und diese überall in die weite Welt hin exportieren. Nach kürzerem Vorstellen konnten wir dann eine weitere berufliche Tätigkeit unserem Lebenslauf hinzufügen: Blümlein pflücken. Im Gegensatz zum körperlich anstrengendem Spargelstechen ist das ein Witz. Zumal wir nicht einmal selber auf dem Feld herumgesprungen sind, sondern gemütlich um 9 Uhr in der Früh im Packhaus erschienen sind, um dann entspannt die Blumen zu binden und zu sortieren. Dies haben wir nebenbei an unseren freien Tagen gemacht (man gönnt sich ja sonst nix), somit noch ein wenig die Kasse aufgefüllt und Kontakte gepflegt. Mittlerweile ist die Saison aber zu Ende und man sieht sich nun wieder vier Tagen frei gegenüber. Denkste! „Nicht das noch Langeweile aufkommt“, dachte ich mir und habe mich für freiwillige Extraschichten auf Arbeit im Schlachtbetrieb einschreiben lassen (ich blöde Gans). Denn im wahrsten Sinne des Wortes stellt Riverlands für mich eine goldene Kuh dar, die ich finanziell noch richtig ausschlachten möchte, ehe es auf große Reise geht. Doch dazu später mehr. Die Arbeit der Extraschicht besteht größtenteils aus Fleischverpacken und Zuschneiden, sodass ich bereits nach fünf Minuten aussehe wie Sau. Von oben bis unten mit Blut besprenkelt, kleine Akzente setzen diverse Fleischstückchen, die dann je nach hektischer oder weniger ruppiger Arbeit an der Schürze kleben. Lecker. Als ob das nicht schon längst genug wäre, arbeitet man im extra herunterreguliertem Kühlhaus. Na klasse- an meinem ersten Arbeitstag im sogenannten „Chiller“ (Kühlraum) sind mir dermaßen die Fingerchen eingefroren, dass ich Probleme hatte, mein Frühstück noch während der Pausenzeit zu essen. Erst durch viel Vitamin B habe ich dann Stoffhandschuhe bekommen, doch die linderten den Schmerz nur minimal. Egal, am Ende des Tages klingelt die Kasse, das ist es, was zählt. Zumindest im Moment. Denn eine weitere große Änderung hat sich ergeben: Willi hat seine Pläne neu geschmiedet und bleibt nun bis einschließlich Juni Angestellter bei Riverlands. Da ich aber bereits vor Juni zwecks Studienbewerbung längst wieder in der geliebten und bereits stark vermissten Heimat ankommen muss, fällt diese Variante für mich flach. Mein letzter Arbeitstag wird nun Ende März sein (schon bald, ich bin schon ganz aufgeregt!) und dann beginnt das eigentliche Reisen in diesem Sinne- Aufbruch zur Südinsel. Dort bleibt mir dann ca. ein knapper Monat um die gesamte Südinsel einmal zu umfahren, ehe ich per Fähre wieder auf die Nordinsel übersetze und dort die Ostküste und den Norden erkundschafte. Mitte Mai heißt es dann auch schon wieder: „Fasten your seatbelts and ready to take off!“ („Anschnallen und bereitmachen zum Start!").

Jedenfalls mache ich mich allein auf die Reise, begleitet werde ich natürlich weiterhin vom Blusterfisch (der arme Kleine!), Tipps von allen Neuseeländern, die von meinen Reiseplänen hören („Mache dies unbedingt, lass' das sein, pass auf dich auf, fahre da keinesweg lang und überhaupt und so und so...“), Adressen zum Übernachten und Leute treffen (bin schon fleißig am Sammeln), Reiserouten, die ich mir minutiös im Kopf zurechtlege, Panikattacken („Maria! Was machst Du, wenn das Auto liegenbleibt?“), weiter zu berechtigten Ängsten („Wenn nun aber der Kettensägenmörder hinter Dir aus dem Busch springt?“) und Respekt vor dem Wetter (es wird kalt... sehr kalt). Aber ich bin schon voller Vorfreude, so sehr, dass ich bereits jetzt die Fähre von Wellington (Hauptstadt Neuseelands, im Süden der Nordinsel) nach Picton (Anlagestelle im Norden der Südinsel) gebucht habe (sicher ist sicher, man weiß ja nie, Umbuchen kann ich bis einen Tag vor Abreise immer noch). Wie so vieles ging das Buchen per Internet, bequem, schnell und zuverlässig.
Ich bin noch lange nicht an der Stelle angelangt, die es mir erlaubt, ein Fazit meines Neuseelandaufenthaltes zu ziehen, aber ich darf durchaus vorwegnehmen, dass ohne das Internet vieles nicht möglich gewesen wäre bzw. nicht zu realisieren ist oder aber sich gewisse Dinge deutlich schwieriger umsetzen lassen würden (Kommunikation nach Hause zum Beispiel, mein Emailfach sprengt alle Rekorde und auch dieser Blog, der eine bestimmte Beziehung zu Euch herstellt). Dies nur am Rande.
Damit mich der kleine schnucklige Van auch überall sicher und zuverlässig hinbringt, habe ich mich entschlossen, den altersschwachen Radiator (Kühler) durch unseren Stammmechaniker in Hawera ersetzen zu lassen. Mit tatkräftiger finanzieller Unterstützung von Willi (einen lieben Dank hierfür nun auch virtuell, weiß auf blau) ließ sich das auch schnell und unkompliziert realisieren, nun bekommt der Blusterfisch keine Hitzewallungen mehr. Morgen wird auch der WOF (Warrant of fitness, entspricht in etwa unserem TÜV, jedoch nicht mit den gleichen strengen Reglementierungen) erneuert und ich erlebe hoffentlich keine weiteren unliebsamen Überraschungen mehr.

Nun zur Überschrift und was es damit auf sich hat: „Weihnachten die Zweite“ wirft nun ersteinmal ein großes Fragezeichen in den Raum. Tatsächlich jedoch haben Brenda und John in New Plymouth Besuch von Brenda's Schwester aus Australien bekommen und zu diesem Zweck sollte Weihnachten nachgefeiert werden. Wir waren dazu herzlich eingeladen und so sind wir mit einem kleinen Wichtelgeschenk vergangene Woche zum Weihnachtsfest im Februar erschienen. Es war eine gesellige Runde, mit einem leckerem Festschmaus und natürlich gab es auch ein kleines Geschenk für uns: Willi hat Getränkeuntersetzer mit dem Abbild des Mount Taranaki für seine Bar geschenkt bekommen und mich ziert seit dem eine wunderschöne Halskette mit dem Anhänger einer Pauamuschel, die an erlesenen Strandplätzen quer über Neuseeland gefunden werden kann. Diese Muschel hat die besondere Eigenschaft, dass sie mich fortan auf meinen Reisen „beschützen“ soll, insbesondere bei Reisen über das Wasser. Na dann, auf die Fährüberfahrt bin ich schon sehr gespannt.


Des Weiteren ein weiterer Umbruch in unserem Alltagsleben: wir sind umgezogen! Lange genug haben wir nun schon bei unserer Spargelfamilie hausen dürfen, seit Mitte November vergangenen Jahres. Da dies ein doch schon längerer Zeitraum ist und ein baldiges Weiterziehen spürbar in der Luft lag, suchten wir die Augen offen haltend nach einer baldigen Umzugsmöglichkeit. An der Warenausgabe auf Arbeit war dann auch ein Aushang zu finden, der genau dies offerierte. Gegen eine akzeptable Summe gibt's seitdem Essen, warmes Bett und Dach überm Kopf. Der Haken an der Sache: das neue Heim liegt mitten in der Pampa. Wirklich im Nirgendwo. Bis auf Arbeit fährt man ca. 20 Minuten, aber für drei Wochen nimmt man das in Kauf. Zur Untermiete sind wir bei einer älteren Frau mitsamt Hund und drei Katzen, neuseelandtypisch ist das Haus etwas „unaufgeräumt“ (mein Zimmer ist im Vergleich ein Sterilraum), da die meisten Kiwis nicht wirklich Wert auf ein geordnetes Heim legen. Dies mutet zunächst etwas chaotisch an, aber einmal daran gewöhnt ist man quasi „abgehärtet“ und reduziert sich in seinen Bedürfnissen auf das Wesentliche: Dusche, Kühlschrank, Bett. Weiterhin ist die Gutste, die mit Nachnamen übersetzt „Mondstern“ heißt, etwas esoterisch angehaucht, das Haus ziert etwas zuviel Nippes und in Anlehnung an den Namen findet man überall Dinge, die auf diesen hinweisen: Mond und Sterne. Na ja, ist schließlich nicht für lang, am 4. April geht meine Fähre, nach Wellington abreisen werde ich aber bereits am 2. April, die Stadt besichtigen und sicher gehen, dass ich die Fähre nicht verpasse.

Zuvor sind wir aber noch mehrmals zu Jenny & Dave eingeladen- einmal, um wieder eine legendäre Cocktailparty zu feiern und wenig später um gemütlich in kleiner Runde meinen Abschied zu „feiern“. Aprospos Abschied: ein mulmiges Gefühl, sich bald von allen Menschen, weniger nahestehenden aber auch mittlerweile zu Freunden gewordenen Mitmenschen verabschieden zu müssen. Wer an meine Abschiede in Dresden zurückdenkt, weiß, dass Abschiede feiern nicht gerade zu meinen Stärken gehört.

Wie dem auch sei, lasst Euch wie immer herzlich drücken und fühlt Euch neuseeländisch gegrüßt, Eure Maria

PS: In der Fotogalerie sind ein paar Bilder von unserem letzten Tagesausflug auf dem "Forgotten World Highway" ("Highway der Vergessenen Welt") zu finden. Viel Spaß beim Stöbern!
Und noch ein Video, welches belegt, dass Schafe eindeutig strunzblöde sind.


Samstag, 19. Januar 2008

Kuriositäten aus dem Alltagsleben

Achtung, viel Text! Eine Warnung an all diejenigen, die jetzt unmittelbar Gefahr laufen, gnadenlos ihre Mittagspause zu überziehen (Grüße an den hartarbeitenden Teil meiner Familie), den anstehenden Arzttermin zu verpassen (Großeltern und Urgroßcousine und -cousin seid ebenfalls gegrüßt), das folgende Handballtraining zu verschwitzen (Mädels, immer lasst es klatschen und knallen), einfach nur das allabendliche Feierabendbier zu verpeilen (Freunde, auch Euch einen herzlichen Gruß) oder aber das Essen in der Küche anbrennen zu lassen (einen ebenso lieben Gruß an die Willi-Mama).

Das Beste (da Spannendste) kommt jedoch zum Schluss- zuersteinmal wusste ich nicht, wie ich diesen Blogeintrag gestalten sollte, mit welchen interessanten Informationen ich meine fleißigen Leser diesmal füttern sollte.
So entschied ich mich anfangs, unser Alltagsleben zu skizzieren, quasi den Rahmen für unsere Abenteuer. Doch lest selbst, denn in literarisch disziplinierter Art und Weise wird in Form einer Klimax aus dem Rahmen Abenteuer.

Den Anfang macht die Außensicht auf Willi und mich. Es ist doch immer wieder erstaunlich, in welche Beziehungsstadien wir gedrängt werden. Neulich wurden wir beim Lunch auf Arbeit von unseren philippinischen Arbeitskollegen (ihr erinnert Euch, da waren zum einen unser ständig feixendes Erdhörnchen und die liebenswürdige Jenny, bei der wir bereits zum asiatischen Dinner eingeladen worden und kürzlich Cocktailtrinken waren) auf unser Verhältnis angesprochen. "Seid ihr denn nicht verheiratet?" - "Was zur Hölle...? - Nein! Singles!!!". Ständig zumindestens als Pärchen gehalten - ok. Nun aber der Sprung zum getrauten Paar? Ach du große Güte, sind wir schon so alt? Aber mittlerweile können wir mit der Beziehungssituation ganz gut umgehen und geben souverän an, bereits fünffache Eltern zu sein (das wird auch noch geglaubt!). Generell scheint man hier so seine Probleme zu haben, das Alter von uns Europäern einigermaßen korrekt zu schätzen. Willi wird regelmäßig für mindestens Mitte 20 gehalten und auch ich gehe verdammt straff auf die 30 zu. Da wird einem glatt Angst und Bange.

Auch mit der Nationalität scheinen einige Neuseeländer ein kleines Zugehörigkeitsproblem zu haben- letztens wurde ich als Kanadierin eingeschätzt, was mir dann doch schmeichelte. Im Großen und Ganzen jedoch wird man weiterhin für "Germans!" gehalten und per nächsten Satz auch gleich zum "Guten-Tag-in-Deutsch-Aufsagen" genötigt.

Ein weiterer Punkt in der Kuriositätenliste ist sogleich eine Warnung: Kiwis und Alkohol = Obacht! Das kann auch ganz schnell böse ins Auge gehen. So geschehen zum Beispiel letztens: wir waren wieder bei Jenny und ihrem Mann David zum Cocktailabend eingeladen, und Jenny, philippinischer Abstammung, betonte im Vorfeld mehrmals, dass sie noch nie richtig betrunken war und sich schon sehr auf diesen Abend freue. David, genannt Dave, berichtete uns jedoch schon stolz, dass er bereits im Münchner Hofbräuhaus seine Erfahrungen mit deutschem Bier gemäß dem Reinheitsgebot gemacht hatte (Bier ist hier in Neuseeland eigentlich nur eine müde Plörre, und mit deutschem Bier nicht zu vergleichen). Nun dann, fleißig wurde für besagten Abend eingekauft: Früchte, Nonalkoholika, Schirmchen für die Gläser und ein paar Cocktailtipps gabs von Brenda und John aus New Plymouth (wen wunderts?), alkoholische Getränke haben die anderen gestellt, schließlich sind wir ja nach wie vor bettelarme Rucksacktouristen. Angekündigt hatten sich neben ein paar Freunden von Jenny & Dave auch mehrere Arbeitskollegen, darunter sogar mehrere Supervisor. Letztenendes hat es von den Supervisors leider nur Anthony samt Frau geschafft, aber wie sich herausstellte, sollte das schon reichen. Jenny kredenzte wie immer Köstlichkeiten aus Fernost und nach dem Dinner ging man nahtlos zum Karaoke-Singen über. Und zum Cocktailtrinken. Oje, es folgten die schon fast obligatorischen Tequila Sunrise-Cocktails bis hin zu Black und White Russian (sehr lecker), sowie Freddy Fuddpucker (im Suff schafft man dann nur noch ein "Freddy Fuckfucker") und Harvey Wallbanger. Wer diesen Abend geschmacksecht nachvollziehen möchte, mixt sich mit einem Teil Galliano, einem Teil Tequila und sechs Anteilen Orangensaft den Freddy Fuddpucker oder anstelle von Tequila nehme man Wodka und erhält den Harvey Wallbanger. Dazu klickt man sich noch durch die Bildergalerie dieses Blogs (aber erst fertig lesen!) und schaut sich die Partybildchen an.

Und wie zu jeder Feierlichkeit gab es auch an diesem Abend reichlich Drama: Anthony, mittlerweile sturzbetrunken, gab dem Drängen seiner Frau nach Hause zurückzukehren nicht so recht nach, sodass diese irgendwann entnervt die Party verlassen hat. Nicht ohne jedoch vorher versucht zu haben, ihren Göttergatten in einer halbstündigen Überredungstortur vom Sofasessel loszueisen. Das Ende vom Lied war dann (wie sich am nächsten Morgen herausstellte), dass sie nach Auckland zu ihrer Schwester gefahren ist, und er überlegt, wieder bei seiner Mutter einzuziehen. Da staunten wir nicht schlecht, als uns Jenny den Tratsch brühwarm zum Rührei und Schinken auftischte. Der nachfolgende Tag wurde dann ausgiebigst zum Erholen gebraucht, so eine Nacht rächt sich früher oder später dann eben doch.

Weiterer Punkt ist alles rund ums Automobil. Dass unser Auto (der süße Blusterfisch!) etwas ganz Spezielles ist und seine Streicheleinheiten auch ständig von seinen Besitzern einfordert- dies ist bekannt (nach einem starkem Regenguss wollten die Scheibenwischer nicht mehr ausgehen, aber mit der nun - zwangsläufig - angelernten Kiwi-Gelassenheit haben wir auch das wieder geregelt bekommen - einfach Motor aus und wieder angelassen, Problem gelöst, Maria aber nach wie vor zittrig). Ansonsten fährt man auf außerstädtischen Straßen eine 100 (wir nur 80) und was sich auch noch "Highway" schimpft, ist in Wahrheit nur eine normale Straße mit jeweils einer Spur pro Richtung und aller paar Kilometer noch eine kurze Überholspur. Dafür fahren hier ca. 70% aller Autofahrer mit derb getunten und enorm aufgemotzen Untersätzen durch die Landschaft, das kann man sich nur schwer vorstellen. In Großstädten hört man es bei schönen Wetter und natürlich am Abend an jeder Ecke röhren und quietschen, schließlich muss man ja zeigen was man hat und Kiwis sind von Natur aus sehr stolz - auf was auch immer. Einen TÜV gibt es im direkten Sinne nicht, das Gefährt muss lediglich die Bestimmung erfüllen, dass es fährt und dabei nicht noch auseinander fällt.

Neuseeländer an sich fahren außerordentlich risikobetont, aber auch eingewanderte Deutsche stehen dem in Nichts nach. Dies konnten wir nun in unseren letzten vier freien Tagen erleben. Eigentlich waren wir "nur" zu Besuch bei Jenny & John in Bell Block, Willis ehemalige Farmeltern aus seiner Anfangszeit in Neuseeland. John erwähnte dann beiläufig, dass Jana, eine vor ca. drei Jahren nach Neuseeland eingereiste und seitdem hier lebende Dresdnerin nachts den Mount Taranaki besteigen wolle. Sie ist mit einem der Söhne von Jenny & John zusammen und steht daher mit der Familie eng in Kontakt. "Aha", dachte ich, "den Berg wollteste doch schon immer mal besteigen, eventuell bietet sich ja nun endlich die Gelegenheit dazu- einen Guide inklusive, das klingt verlockend.". Denn wie sich später herausstellen sollte, hat Jana die Bergbesteigung nicht zum ersten Mal gemacht. Die Besteigung meines geliebten Berges mit immerhin 2.518 m nachts- das versprach Nervenkitzel und eine weitere Aktivität ohne Touristenmassen. Den ganzen Tag liebäugelte ich mit der Gipfelstürmung und ein wenig kribbelte es schon in der Magengegend. Ein paar SMS später ("Brauchen wir bestimmte Sachen?" - "Warme Sachen, da saukalt, Wanderschuhe, Wasser, Müsliriegel, Stirnlampe, Wind-/Regenjacke") wurde die Sache konkreter.
Dann ging alles sehr schnell, Abendessen hintergeschlungen, Sachen gepackt, Schnittchen geschmiert. In einer Nacht- und Nebelaktion sind wir Mitternacht zum Treffpunkt aufgebrochen. Am Leib hatte ich Unterwäsche, zwei Paar Socken, kurze Shorts, lange Wanderhose, ein Thermoshirt, ein Pullover, eine Stoffjacke, eine Trainingsjacke und ein Wind- und Regenjacke, Schal und Mütze griffbereit. Ich sah nicht nur aus wie ein Michelin-Männchen, ich konnte auch dessen Bewegungsradius nachvollziehen. Nun gut, also hinters Autosteuer geklemmt, zum Treffpunkt mit Jana und einem weiteren Bergsteiger (ein Inder namens "Vish") gefahren und gemeinsam dann innerhalb einer halbstündigen Autofahrt nach Egmont Village gefahren, dem "Basislager". Und, um den Bogen zu schließen, Jana ist in ihrem Auto vornweggerast. Mitten in der Nacht! Willi ist neben mir gestorben, wir konnten kaum aufschließen, da der nächste Straßenabschnitt im Dunkeln und trotz Fernlicht kaum auszumachen war. Fix und fertig ausgestiegen und dem Berg bereits sehr nahe. Dachten wir zumindestens. Frei nach dem Motto: "Mensch, sind wir nah dran! Und schau mal, so hoch sieht der gar nicht aus!" (der geneigte Leser mag sich bereits jetzt schon denken: "Nachtigall, ick hör' dir trapsen..."). Willi jedenfalls hatte schon früh beschlossen, die Nacht lieber im Van zu verbringen, ein wenig Höhenangst und die Überzeugung, bereits genug neuseeländische Abenteuer durchlebt zu haben, hatten ihn zu dieser Entscheidung bewogen. So sind wir, Jana, Vish und ich, nach einem Ausrüstungscheck aufgebrochen. Der Mond beleuchtete uns den Weg nahezu taghell und wir erklommen die ersten Höhenmeter. Doch bereits nach zehn Minuten ließ der Inder abreißen und stieß ein klagevolles "Ich kann nicht mehr" hervor. Es wurde nun filmreif: knieend schaute er uns an und meinte, das schmerzverzerrte Gesicht vom Mondlicht umschmeichelt, dass es nicht mehr gehe, und wir doch ohne ihn weitergehen sollten. Ich wusste nicht mehr, wie mir geschah. Kitschig? Nach Drehbuch? Wirklichkeit? Es nahm dramatische Züge an, Jana antwortete, er solle erstmal was esen, sie werde ihn nicht zurücklassen. Mein Kopfkino funktionierte trotz der Uhrzeit gewohnt prächtigst, sofort spielten sich Filme ab, in denen nach dem 10-Männlein-Prinzip die Spannung darin besteht, dass die Gruppe im Laufe des Filmes durch Unvorhergesehenes kontinuierlich dezimiert wird. Vish ließ sich nicht von seinem Standpunkt abbringen, und so sind wir dann zu zweit weiter.
Im Großen und Ganzen lässt sich der Aufsteig in fünf Teile gliedern. Die erste Etappe dauert ca. eine Stunde und besteht aus dem Weg bis zu einer kleinen Hütte. Danach folgen eine Stunde Treppen steigen (Etappe 2), der Geröllhang (zwei Stunden, Etappe 3), die Felsen (eine Stunde, Etappe 4) und zum Schluss das Erreichen des Kraters und der finale Aufstieg zum Gipfel (Etappe 5, halbe Stunde). Aufgebrochen vom Basislager sind wir dreiviertel eins nachts, denn Ziel war es, den Sonnenaufgang vom Gipfel aus zu bestaunen. Das Ganze nennt sich "Midnight Climb", also "Mitternachtsaufstieg" und versprach einen angenehmeren Aufstieg als tagsüber in gleißender Mittagshitze.
Nach dem emotional aufwühlenden Abgang unseres indischen Weggefährten ging es nun auf zur Hütte. Dort angekommen, fühlte ich mich schon am Ende meiner physischen Kräfte. Die Hände haben gezittert, die Oberschenkel brannten infernalisch und ich hatte Durst wie eine - Achtung Wortwitz! - Bergziege. Und diese Etappe war noch die einfachste! Nagende Zweifel plagten mich. Jana fühlte sich auch nicht sonderlich wohl, aber wir entschieden, dass wir ersteinmal weiter aufsteigen- umdrehen könnten wir schließlich immer noch.
Es folgten die Treppen. Man darf sich den Aufstieg nicht so vorstellen, als dass man selbigen in einem Ritt durchzieht. Nach vier bis fünf Treppen folgen zehn Sekunden verschnaufen, eine bereits jetzt schon geniale Aussicht genießen, und mental motiviert bleiben. Nun der Geröllhang. Und ehrlich liebe Leser, ich war den Tränen nahe. Der Wind peitscht frontal ins Gesicht, es sind keine Felsen weit und breit zu sehen um Windschatten zu spenden und dadurch, dass man versucht eine Steigung auf feinsten Steinen zu überwinden, hat man das immerwährende Gefühl Wasser zu treten. Ein Kampf gegen Windmühlen. Am Ende des Geröllhangs habe ich mich nur noch auf allen Vieren fortbewegt, geflucht, geschrien- ich wollte nicht mehr. Jana, immer ein paar Schritte voraus, gestand im Nachhinein, dass sie mein ständiges "Scheiß Geröllhang" außerordentlich belustigend fand und sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte- inzwischen hat der Satz Kultstatus. Aber für mich persönlich haftet dem Satz doch etwas überaus Negatives an. Einwas muss man Jana aber lassen- nicht nur, dass sie den Berg zum fünften Mal in Angriff nimmt und somit erheblich Erfahrung mitbringt- nein, sie hat mich psychologisch richtig "aufgebaut". Denn beispielhaft habe ich ein nörgelndes, drängelndes Kleinkind auf der Autobahn nachgeahmt ("Mama, wann sind wir denn endlich da???") und laufend danach gefragt, wann es besser wird, bei welcher Etappe und natürlich: "Ist es noch weit?". Sie entgegnete immer sehr verheißungsvoll mit: "Ach, wir sind gleich bei den Felsen, ab da an wird es echt leichter!". Ihr Ziel hat sie erreicht, ich blieb halbwegs motiviert, aber schon schnell entlarvte ich Jana als geschickte Lügnerin: "Du, hattest Du nicht vor 'ner halben Stunde gesagt, dass wir die Felsen erreicht hätten?"- "Na ja, is' wirklich nimmer weit...". Und endlich, bei einer kleinen Verschnaufpause bei den endlich erreichten Felsen bekräftigten wir uns gegenseitig: "Nein, nun drehen wir nicht mehr um, ja?!". Ab den Felsen, auf zum Krater habe ich nur noch funktioniert, man schaut eine endlos erscheinende Felswand hinauf, kraftlos- doch schon langsam erscheint am Horizont die Morgenröte und man schöpft erneut Kraft um den Sonnenaufgang noch rechtzeitig auf dem Gipfel zu erleben. Als wir dann auf dem vereisten Krater standen war es ein unbeschreibliches Gefühl. Wahnsinn. Eigentlich wollte ich den Gipfel nun nicht mehr besteigen, ebenen Boden unter den Füßen zu spüren hat mir vollends Genüge getan. Aber weiter. Immer weiter. Wir sollten belohnt werden. Was für eine Aussicht! Die Sonne kitzelt ein erschöpftes Lächeln hervor, man bestaunt den perfekten Triangel-Schatten, den der Berg auf das noch schlafende Land wirft und genießt die traumhafte Stille. Man trifft auf Jack Wolfskin-Schaufensterpuppen, die locker-flockig auf den Gipfelfelsen tänzeln und fühlt sich irgendwie unfit. Eine Stunde haben wir auf dem Gipfel zugebracht, ausgeruht, SMS geschrieben, Triumphfotos geschossen und auf keinen Fall an den nun folgenden zweistündigen Abstieg gedacht. Denn hätte mir ein alpines Vöglein gezwitschert, dass der Abstieg die Hölle auf Erden bedeutet und keinesfalls besser wird als der Aufstieg- wer weiß, was ich getan hätte. Aber eine andere Wahl hat man sowieso nicht, wieder herunter muss man schließlich.
Anfangs war es wirklich angenehm, bergab, Sonne im Rücken, Temperaturen zum Aushalten und nette Gesellschaft: ein älterer Herr kam uns entgegen, sprintete den Berg rauf, sagte, er hat gerade einmal zwei Stunden bis hierher gebraucht (wir waren bei den Felsen, Etappe 4) und nach einer weiteren Stunde hatte er uns bereits auf dem Weg bergab überholt! Unvorstellbar.
Doch schon von den Felsen aus konnten wir eine Wolkendecke sehen, die sich bedrohlich über den Geröllhang gelegt hat. Es hatte uns voll erwischt. In der Wolke gefangen - wir musste ja irgendwie runter! - gab es kein Ausweg. Sturm, peitschender Regen, Nebel, Kälte- das komplette Unwetterpaket. Ich war entkräftet, durstig, hungrig, durchnässt, bereits seit 26 Stunden ohne Schlaf und ihr ahnt es schon: das Fluchen hatte ich längst wieder aufgenommen "Scheiß Geröllhang!". Man hat die Hand vor Augen nicht mehr gesehen, kurzzeitig hatten wir uns sogar verloren, Jana schrieb sicherheitshalber eine SMS (Originaltext): "Wart an einem der poles. Oder wo bist du?" ("Poles" sind die hölzernen Stöcke, die zur besseren Orientierung und zur Wegmarkierung aufgestellt worden sind). Doch da hatte ich sie bereits wieder eingeholt (ein Glück!). Auf unserem weiteren Weg bergab sind uns zahlreiche Bergsteiger entgegenkommen und der Großteil hat sich leider nicht durch unsere grausigen Schilderungen des Wetters zum verantwortungsbewussten und einzig richtigem Umkehren bewegen lassen. Teilweise schauten wir uns nur kopfschüttelnd an.
Letztenendes haben wir es dann aber geschafft, gegen halb elf sind wir wieder heil auf dem Parkplatz angekommen, unsere Männer schauten uns verschlafen an und ich konnte nur noch ein "Sei froh, dass du nicht mitgekommen bist" zu Willi stammeln. Vollkommen entkräftet habe ich erstmal Willis Süßigkeitenvorrat geplündert und mein Mund stand trotz des zehrenden Erlebnisses und der Erschöpfung nicht mehr still. Bei Jana habe ich mich noch mehrmals bedankt und mich fürs fortwährende Fluchen entschuldigt und dann sind wir wieder zurück zur Farm gefahren und ich hab mich in die inständig herbeigesehnte Heia geworfen. Bilanz: Schürfwunden am linken Unterarm (am Geröllhang - wie konnte es anders sein - hat es mich einige Male entschärft), zwei kleine Fußzehen, die als solche nicht mehr zu identifizieren sind, geschwollenen Hände, da man sie dauernd baumeln lässt und das Blut nicht ordnungsgemäß wieder zurückfließt) und einen bärigsten Muskelkater. Jenny hat mich noch fürsorglich aufgepäppelt und auch Tage danach wurde ich liebevoll mit Mount Taranaki aufgezogen: John heute morgen zu mir: "Guten Morgen! Hast Du gut geschlafen? Ist es nicht herrliches Wetter draußen?"- "Danke, ja, schönes Wetter" - "NA, DAS IST DOCH PERFEKTES WETTER UM DEN BERG ZU BESTEIGEN!". Hilfe!
Es war wirklich ein einschneidendes Erlebnis, sowohl körperlich als auch psychisch, ein Erlebnis, welches ich wohl nie wieder vergessen werde, aber lasst mich eins sagen: nie wieder.

Wirklich nicht.


In diesem Sinne, Eure Bergziege.

 

PS: Bebilderung in der Galerie (Link siehe rechte Leiste).

Freitag, 11. Januar 2008

Freizeitreport!

In den letzter freien Arbeitsperiode haben wir, wie bereits angekündigt, die Waitomo Caves besucht, ein Höhlenkomplex bestehend aus Tropfsteinhöhlen und natürlich einer Glühwürmchenhöhle nahe Hamilton, ca. zwei Autostunden von New Plymouth entfernt.
Und lasst Euch sagen: diese süßen, kleinen, putzigen Leuchttierchen! Aber bis wir zu diesen knuffigen Tierchen vorstießen, mussten wir uns erst durch Heerscharen von Touristen durchkämpfen. Unglaublich, alles im Umkreis von zehn Kilometern rings um die Höhlen ist auf Touristen ausgerichtet, überall Busse, Asiaten und noch mehr Fotokameras. Dementsprechend organisiert lief alles ab. Führungen, ursprünglich beschränkt auf alle halben Stunden, wurden im fünfminütigen Intervall durch die Höhlen geschleust. Dies ist zwar recht schade, aber am Ende der Tour sollten wir belohnt werden: so sind wir per kleinem Boot (fasst ca. 20 Leute) lautlos übers Wasser geschwebt und mit Blick an die Grottendecke konnte man tausende, ach Millionen von kleinen, türkisfarben leuchtenden Würmchen betrachten. Das ganze Spektakel ist vegleichbar mit einem Himmelsblick bei sternklarer Nacht, und durch die von den Guides angemahnte Ruhe (Glühwürmchen reagieren schreckhaft auf Laute und Licht) konnte dieses Erlebnis auch genossen werden.
Doch der Weg zu den phosphorizirenden Insekten war beschwerlich und hart: über mehrere Serpentinenstraßen wurde unser Blusterfisch aufs Schlimmste gequält. Kurvige Bergpassagen und – man stelle sich bitte vor – Einbahntunnel! Oje, ich bin am Lenkrad gestorben, an die Umstände, dass Straßen größtenteils ohne Leitplanke versehen sind, gewöhnt man sich; daran, dass man mitunter direkt von der Straße den Abgrund hinuntersehen kann auch, aber das man Tunnel durchfährt, die lediglich nur von einem Auto befahrbar sind und man vorher hupen muss, um das Einfahren zu signalisieren- Wahnsinn. Selbst als Fahrer ist mir leicht flau in der Magengegend geworden.

Dann folgten wieder vier Tage Arbeit, aber bereits gestern schon durften wir wieder das verdiente Frei genießen. Dazu sind wir erneut nach New Plymouth gefahren (Willi musste einige organisatorische Dinge abwickeln) und haben bei dieser Gelegenheit nochmal Willis ehemalige Farmeltern Jenny und Jon besucht und bei der Pflaumenernte geholfen. Was für ein Spaß! Im Gegensatz zum schweißtreibenden Spargelstechen durfte sich gestreckt und gereckt werden um an die leckeren Früchte zu kommen. Der Farmherr Jon erwähnte auch die Gewinnung von Zwetschgenschnaps ("Mmh, sprich weiter, bei Pflaumenschnaps werd ich hellhörig..."), aber das Beste beim Pflücken ist die Tatsache, dass man quasi vom Baum in den Mund arbeitet. Ersteinmal legt man sich jedoch einen einem Kängaruhbeutel ähnlichen Sack um, und sammelt wahlweise auf Leitern stehend oder vom Boden aus arbeitend die purpurfarbenen Leckerlies ein. Ich hatte ein wenig zu eifrig vom Baum in den Mund gearbeitet und blähte etwas auf. Naja, zum Dank gab es dann noch selbstgemachte Marmelade und – der geneigte Leser mag es kaum glauben – Pflaumen.
Später werde ich vermutlich mal eine Farm mit Kühen, Spargel und Pflaumen haben, und in Ergänzung dazu natürlich noch eine Autowerkstatt. Aprospos Autowerkstatt- die haben wir kürzlich auch wieder aufsuchen müssen und zwar wegen einem kleinen Defekt unseres Kühlers. Denn auf unserer letzten längeren Autofahrt durchs Land ist die Temperaturanzeige doch bedrohlich hoch angeschnellt, sodass wir gezwungen waren im Hochsommer mit Heizung auf voller Pulle über die Straßen zu fegen (die Heizluft wird aus dem Motorraum genommen und dies kühlt erstaunlicherweise selbigen schnell und gut wieder ab). Was für ein angenehmes Erlebnis. So legten wir immer kleinere Zwischenstopps ein und achteten darauf, nicht zu schnell zu fahren und gleichseitig immer ein Auge auf die Temepraturanzeige zu haben. In unserer Stammwerkstatt jedenfalls war man sich schnell sicher, dass es am Kühler (Radiator) liegt, aber unser Monteur (bei dem wir auch die letzte Reparatur in Auftrag gegeben hatten- siehe „Krankenakte Blusterfisch") meinte, dass es für kleinere Strecke reicht. Sobald wir uns aber auf den Weg gen Süden machen, sollten wir vorher einen neuen Kühler einbauen lassen (fragt nicht nach dem Kostenpunkt).
Später am Abend haben wir noch das für New Plymouth traditionelle Festival of Lights im Pukekura Park besucht, eine Veranstaltung, die über mehrere Monate andauert und man verschiedene Künstler auf Bühnen bestaunen kann. Eingerahmt wird das Festival von stimmungsvollen Lichtinstallationen, sodass man zu Live-Musik Bäume und Sträucher in blutrotes Licht getaucht bewundern kann.
Bilder gibt es neuerdings in einer eigenen Galerie zu bestaunen (Link in der rechten Leiste), sowie eine Karte, auf der ihr die bisherige Reiseroute und den momentanen Aufenthalt sehen könnt (einfach zum Zoomen auf "Plus" oder "Minus" klicken und per gedrückter linker Maustaste das Sichtfeld "zurechtrücken"- wem das zu umständlich ist, der kann auch den unmittelbar unter der Karte befindlichen Link "Größere Kartenansicht" nutzen).

Viel Spaß beim Stöbern und sonnigste Grüße ins scheinbar bitterkalte Heimatland,

Eure Ich-was-wie-man-Tiere-schlachtet-Mareiha (in Anlehnung an die Handballmädels :) )

Dienstag, 1. Januar 2008

Der NZL-Report mit dem Weihnachts- und Neujahrsreport


W
eihnachstzeit- stressige Zeit. Das ist auch in Neuseeland so, aber nun erstmal die letzten Tage in Chronologie.

Um für die Weihnachtszeit gerüstet zu sein, wurden erst einmal Weihnachtsmützen gekauft und bei den nächsten Verwandten typisch deutsche bzw. dresdnerische Köstlichkeiten geordet- denn wir wollten bei unseren jetztigen Gasteltern Judy & Marvyn ja nicht mit leeren Händen aufkreuzen. Schließlich waren wir am Weihnachsttag (in Neuseeland der 25.12.) zum Frühstück bei Tochter Linn und ihrem Freund Mat und zum Lunch bei Judy und Marvyn eingeladen. Am 24. Dezember allerdings stand erstmal unser Weihnachten an, wir mussten leider arbeiten und konnten somit erst abends zum Strand aufbrechen. Vorher wurde im hiesigen Liquor-Shop noch Campari bestellt (wurde extra angeliefert, ansonsten gibt es Hochprozentiges nicht im Supermarkt, sondern nur in besagten Liquor-Shops) und schnell noch Pizzen sowie Eis gekauft. Ein Festmahl (angesichts von überwiegend Toast als Nahrung trifft die Bezeichnung “Festmahl” wirklich zu)! Sind dann also zügig zum Strand gefahren, haben alles schnell verzehrt und bei Campari-Orange wurde anschließend noch Bescherung gefeiert (ich habe von Willi ein Päckchen Kaffee, meine Lieblingskekse sowie Aufkleber für unser Auto bekommen- und zwar original Aufkleber aus der Region Taranaki (benannt nach dem Berg): “Taranaki Hardcore Club”). Aber Arbeit hat so seine Spuren hinterlassen, sodass wir beizeiten ins Bett gegangen sind (praktischerweise immer im Van dabei)- am nächsten Morgen stand bereits das Frühstück bei Linn & Mat an. War auch ganz nett, jedoch wirklich nur ein kleines “Auftakt-Frühstück” (der Neuseeländer zelebriert Weihnachten den gesamten Tag lang, danach ist dann allerdings auch Schluss- nicht wie bei uns, wo Weihnachten einen mehrtägigen (Fr-)essmarathon einleitet). Der Lunch bei unseren Gasteltern war jedoch der Hit. Sowas haben wir noch nicht gesehen. Ersteinmal wurde zu Mittag gegessen und sich anschließend im Wohnzimmer zur Bescherung versammelt. Das gesamte Haus undekoriert, kein kitschiger Weihnachtsengel, nicht einmal eine verlorenwirkende Lichterkette- nichts. Lediglich ein kleiner Weihnachtsbaum in der Wohnzimmerecke (um es mal vorneweg zu nehmen: Weihnachtsstimmung hatte ich in der gesamten Zeit nicht gehabt, vielleicht mag es am Klima liegen oder an dem, was wir mit Weihnachten verbinden). Bescherung war klasse: Geschenke wurden einfach rüde aufgerissen (in unserer Familie wird man wenigstens noch zum Gedichteaufsagen oder Singen genötigt), mitunter waren in den Geschenken noch die Einkaufszettel zu finden! Als unsere Gastmutter das erste Geschenk auspackte, konnten wir vor Lachen nicht mehr: ein quietsche-pinker Flamingo aus Plastik zum In-den-Garten-stellen! Herrje! Geht es noch unpersönlicher? Wohl kaum. Wir haben T-Shirts geschenkt bekommen (wirklich schöne, man glaubt es kaum) und haben der Familie ein Paket mit Allerlei geschnürt (Russisch Brot, Stollen, …). Auch bemerkenswert war der Umgang mit der Familienältesten, der Oma: sie wurde einfach in der Sofa-Ecke “geparkt”, vor ihr rannten dann die reichlich beschenkten Kleinkinder mit Schwert und Pistole herum und spielten ihren fiktiven Kleinkrieg aus. Furchtbar. Wir haben uns dann auch rasch wieder verdrückt, es war zwar ein nette Geste unserer Gasteltern uns mit einzuladen, aber wir haben uns doch wie Störende bzw. Eindringlinge gefühlt.

Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir uns in unseren freien Tagen zu einem kleinen Trip aufgemacht und sind wieder Richtung New Plymouth gefahren (eine Stunde nordwärts von Hawera). Sind dieses Mal aber an der Küste entlang gefahren und haben noch den “Cape Egmont” besucht, ein meist windiger Küstenpunkt mit kalkweißem Leuchtturm. Und nun Achtung: Wissen! “Cape Egmont” gehört zu insgesamt vier geografischen Punkten in Neuseeland, die das “Kreuz des Südens” bilden. Dieses Kreuz ist nicht nur ein Sternbild der südlichen Hemisphäre, sondern eben auch ein beliebtes Ziel von Motorradfahren aus aller Welt. Jährlich findet einen einwöchige Rallye statt, die diese vier Punkte (Cape Egmont, Cape Reinga, East Cape und Bluff) “abfährt”. Und wir als Neu-Kiwis wollen am Ende des Jahres dieses Kreuz ebenfalls besucht haben und etwas Weiteres, typisch Neuseeländisches gemacht haben (das steht jedenfalls in keinem Reiseführer).

Neujahr wollten wir unbedingt in New Plymouth verbringen, zum einen um unsere ehemaligen Gasteltern Brenda & John zu besuchen und zum anderen um “New Years Day” (das Wort “Silvester” sucht man vergebens) zu feiern. Brenda und John sind über Neujahr aber leider verreist, sodass wir hier noch eine Weile bleiben werden und uns so doch noch sehen können. Silvester wollten wir an und für sich im original irischen Guinness-Pub feiern, doch anscheinend ist Silvester hier weniger populär als bei uns- es herrschte fast überall tote Hose. Selbst im Guinness-Pub saßen nur drei Hansel an der Theke, was uns so zum Umkehren ins warme Heiabettchen bewegte- angesichts einer weiteren vorausgegangenen Arbeitsperiode bei Riverlands erschien uns das als himmlische Alternative, die Arbeit zehrt doch schon ganz schön an den körperlichen Kräften.

Auf dem Plan für die nächsten Tage stehen eine Wanderung auf dem “Forgotten Highway” (“Vergessener Highway”) und ein Besuch der “Waitomo Caves”, einer Glühwürmchen-Höhle.

So, ich hoffe, ihr seid gut über die Feiertage gekommen, hattet ein schönes Fest und einen angenehmen Rutsch ins Neujahr und genießt die Restfeiertage-

Lasst Euch wie immer lieb grüßen von Eurer

Maria

PS: Bilder im Anhang!

Weihnachten am Strand - mit Campari-Orange!


Cape Egmont, der westliche Punkt des "Kreuz des Südens":