Denn seit ca. zwei Wochen sind wir Angestellte bei Riverlands Ltd., einer Fleischverarbeitungsfirma mit Spezialisierung auf Rind. Unser Supervisor Maui rief uns natürlich nicht wie vereinbart an, um uns das Ergebnis des Drogentest mitzuteilen, und so sind wir auf eigene Faust zu Riverlands gefahren und haben mal deutsche Pünktlichkeit demonstriert. Dies hat auch ordentliche Eindruck geschunden und außerdem fiel der Drogentest negativ aus und das hieß für uns: angestellt. Der Übergang von „Drogentest i.O“ zur anschließenden Arbeit verlief äußerst fließend, um 10 Uhr früh am gleichen Tag fanden wir uns bereits am Arbeitsplatz wieder. Und zwar ohne Einführung und ohne Arbeitsschutz (ich würde an dieser Stelle mal behaupten, des deutschen Beamten liebstes Kind heißt neben Gleitzeit Arbeitsschutz). Man stelle sich dies einmal in einem deutschen Lebensmittelbetrieb vor! Einfach von der Straße weg an den Arbeitsplatz! Herrje! Nun aber mal ein paar Sätze zu den Verhältnissen und Modalitäten: zu Beginn des Arbeitstages kleidet man sich mit Overall, Gummistiefeln, Handschuhen, wasserabweisender Schürze, Ärmelüberzügen, Kopfhaube, darüber farbige Kopfhaube und Ohrschützern ein. (Als Schlachter kommen dann noch Kettenanzug und spezielle Handschuhe dazu). Mit diesen Utensilien ausgestattet, geht es in die Umkleiden. Lasst Euch an dieser Stelle sagen, dass der Männer-Frauen-Anteil bei ca. 50%-50% liegt (was man gar nicht denkt), aber bei Betreten der Frauenumkleide durchaus der Eindruck entsteht, dass das „Hinter-Gittern“-Frauenknast-Team sich hier in der Drehpause aufhält. Oje. Die Rinder durchlaufen zuerst den „Slaughterfloor“ (Schlachthaus), dann geht es weiter in den „Boning Room“, wo dann nun das Letzte aus der Kuh rausgeholt wird. Und schließlich werden die diversen Fleischstücke dann im „Packing Room“ verpackt, dort, wo auch wir arbeiten.
Meine Arbeit besteht darin, im Team von drei Leuten am Fließband die Fleischpakete in Kartons zu verpacken. Das klingt leicht. Ist es aber nicht. Der Arbeitstag beginnt mit „Prime“ (es gibt keine 1-1 Übersetzung ins Deutsche dafür, es ist in etwa so etwas wie „Erstklassige Ware“), dann wird zu „Bull“ (Bulle) übergegangen und anschließend kommt „Cow“ (Kuh). Nun lasst mich das Ganze mal am Beispiel von Tetris erklären. Bei Tetris kommen die virtuellen Spielsteinchen von oben herabgerieselt, hier das Fleisch auf dem Band. „Prime“ ist in etwa der Fortgeschrittenen-Modus, man hat zu tun, schafft es aber noch mal kurz zu verschnaufen. Dies geht so seine 4-5h, dann kommt Bull. Und mit Bull ist es auch mit der neuseeländischen Gelassenheit vorbei. Kurz: es bricht Panik aus. Gibt es noch eine höhere Stufe als „Experte“ – hier wäre sie anzubringen. Es ist leider keine Seltenheit, dass die Fleischbatzen links und rechts einfach vom Band runterklatschen. So geschehen an meinem ersten Arbeitstag: erst ging es recht relaxt voran, dann wurde auf Bulle umgeschalten und das komplette Chaos brach aus. Mittlerweile schalte ich in solchen Momenten die deutsche Sorgfalt in mir einfach aus, die Fleischbrocken werden nur noch in die Kartons geschmissen. Anbei eine kleine Bemerkung: es lässt sich nirgends schneller das Fluchen auf neuseeländische Art und Weise erlernen, als während Bulle auf dem Band läuft. Nach weiteren nie enden wollenden Stunden wird dann auf Kuh umgestellt, was endlich wieder Ruhe einkehren lässt.
Zwischendurch hat man drei Pausen und was man so zusammengewürfelt in der Kantine sieht- kurz: Knast. Zwielichtige Gestalten mit Oberarmen wie meine Oberschenkel, tätowiert, unrasiert, kantiges Gesicht, schlürfender Gang und schlechte Zähne. Man sitzt nun dort inmitten der Schnitzelakrobaten und Schnetzelästheten und versucht zu essen. Die Betonung liegt auf „versucht“, denn dies fiel in den ersten Tagen etwas schwer. Allein der latente Fleischgeruch mag ja noch gehen, aber das mitunter gegenübersitzende Tischgenossen noch Knochenknorpel und Fleischstücken am Arm kleben haben und der Durchschnittsoverall mit mindestens drei Litern Rindsblut getränkt ist- Guten Appetit. Aber mittlerweile geht auch das (der Hunger treibt’s rein).
Natürlich stechen wir aus der Menge wie bunte Hunde, als Europäer sowieso und außerdem wegen einem strahlend roten Häubchen. (Es gibt zwei Teams, Rot und Blau, und alle die im „Packing Room“ arbeiten, haben so ein Häubchen zu tragen. Da wir vier Tage à 10 Stunden arbeiten und die nächsten vier Tage frei haben, springt an unseren freien Tagen das blaue Team ein.). Daher kommt auch der liebevolle Name „Rotkäppchen“. Aber nicht nur wir stechen aus der Menge heraus, nein, es gibt auch noch eine Handvoll Asiaten, zu denen wir uns gleich gesellt haben. Unsere kleine asiatische Triade besteht aus – im Gegensatz zum Rest der in der Kantine sitzt – drei kleinen Muttis und ein bis zwei andere Asiaten. Und lasst euch sagen: die Muttis sind der Hit. Die eine hat von uns den Spitznamen „Erdhörnchen“ bekommen, die gesamte Pause nur am Lachen und Reden wie ein Schnellfeuergewehr. Ein Traum. Zum Glück arbeiten wir im Packraum mit zwei von den drei Muttis zusammen, alle natürlich gewohnt fleißig am Werkeln und immer erstaunlich gut informiert. So ist man stets im Bilde, wer gerade schwanger ist, was wo passiert und warum. Das hat so seine Vorteile.
Wie dem auch sei, so arbeiten wir seit ca. zwei Wochen schon bei Riverlands, an die Arbeit und andere Abläufe gewöhnt man sich so langsam und auch sonst hat sich ein wenig Routine eingestellt- sollte man meinen.
Gestern wollten wir zu unserem letzten der vier Tage andauernden Arbeitsperiode fahren und stiegen ins Auto ein und fuhren los. Doch schon da tuckerte der Motor seltsam und gab auch sonst eigenartige Geräusche von sich. Merkwürdig, aber dies scheint wohl an der Kälte zu liegen, der zwanzig Jahre alte Motor muss wohl erst noch ein wenig warm laufen. So sind wir erstmal weiter gefahren, und ihr ahnt es schon was gleich passieren wird- kurz vor dem Highway besser mal links auf einen Parkplatz gefahren, da der Motor jetzt absolut so klingt, als ob man besser ganz schnell anhält und nach dem Rechten sieht. Herzrasen. Wir müssen auf Arbeit. Das Auto. Kaputt? Warum? Vollgetankt? Ja. Wie kommen wir auf Arbeit? Nochmal den Motor starten. –Dies ging schon gar nicht mehr, es folgte nur ein „Klick, klick, klick“ solange man den Schlüssel gedreht hielt. Verdammte … . Wäre eine Kekspackung in Maria-Reichweite gewesen- ich hätte sie wie damals, als wir an der Kreuzung in New Plymouth liegen geblieben waren, restlos aufgenagt. Haben uns aber gezwungen ruhig zu bleiben (ist mir nur bedingt gelungen) und sind erstmal zurück zur Spargelfarm gelaufen (wir allein auf weiter Flur). Sofort unseren Vorgesetzten angerufen und glücklicherweise hat uns Judy auf Arbeit gefahren, sodass wir gerade einmal eine halbe Stunde zu spät auf Arbeit angekommen sind. Was dann passiert, kann man sich nur schemenhaft vorstellen: eine derartige Welle der Hilfsbereitschaft rollte auf uns zu, wir wussten gar nicht, wie uns geschah. Dass mich Leute (die ich nur vom Gesicht her kenne) mit „Hi Mary, wie geht’s? Was macht das Spargelstechen?“ ansprechen, ist schon eigenartig genug. Aber wie aufopferungsvoll die Menschen uns an diesem Tag begegneten- unvorstellbar (Willi meinte daraufhin, dass wir doch öfters mal so eine kleine Panne haben sollten). Wir wurden von der einen Asiatin zum traditionellen Essen eingeladen, das Erdhörnchen hat uns wieder zurück nach Hause gefahren, ein Arbeiter hat uns noch eine DVD vorbeigebracht und unser Vorgesetzter Drew (ein Mischung aus Surfer Boy und Kumpel von nebenan) hat uns angeboten, seine Eltern mal zu fragen deren Haus in Waterua (ca. eine halbe Stunde von Arbeit entfernt) mit Surferstrand an uns zu vermieten- kostenfrei. Wahnsinn, sollte das klappen, ziehen wir bald um, Drew würde uns dann mit noch einem anderen Mitarbeiter auf Arbeit mitnehmen. Abends hat uns dann noch unser Gastsohn Joseph mit dem Jeep abgeschleppt. Klingt banal, ist es an und für sich eigentlich auch, aber Frodo brettert doch nicht etwa mit einer 60 (!!!) den Hügel hinab! Das Abschleppseil ist 1,5m lang gewesen und ich mit Schweißausbrauch und zittrigen Fingern grapschte ständig nach der Handbremse (die Fußbremse geht nicht, muss wohl irgendwas mit der Hydraulik zu tun haben, dass wenn der Motor ausgeschalten ist, die Fußbremse nicht funktioniert- fragt mich bitte nicht). Jedenfalls haben wir dann den Blusterfisch wieder gut vor dem Schuppen geparkt und somit unser Nachtquartier sichergestellt. Abends gab es dann ein wohlverdientes Feierabendbier und Kopfschütteln beim Resümieren des Tages. Marvyn, der Gastvater und passionierter Autoschrauber, nimmt sich in den nächsten Tagen den kränkelnden Blusterfisch vor und bekommt ihn hoffentlich wieder repariert. Ansonsten haben wir aber eine Mitfahrgelegenheit auf Arbeit (Erdhörnchen)- sobald wir Genaueres wissen, gebe ich hier nochmal schnell Entwarnung (hoffentlich Entwarnung- drückt die Daumen, dass es nichts Größeres bzw. Kostspieliges ist).
Ja, ihr seht, es ist wohl oder übel immer eine Menge los, zu Weihnachten hätte ich gerne ein kleines Paket mit Ruhe unterm Baum.
Wie immer liebe Grüße in die vorweihnachtliche Heimat,
Eure Maria
PS: Rechts in der Leiste finden sich seit Neuestem die „Top-Ten-darauf-wird-sich-am-meisten-gefreut“ (bei Wiederkehr) und eine kleine Personencharakteristika, da ich beim Buchlesen nichts mehr hasse, als mich fragen zu müssen, wer welche Person war :)


3 Kommentare:
höhö
man voll wie im film bei euch! das liest sich wie ein buch^^
hihi
aber eine frage: warum steht nichts vom fretchen in der "darauf-freu-ich-mich-liste" ?
manmanman!^^
haben heute gewonnen 31:21 gegen coswig 8-)
lief kuuuhl
hab ich dir schon erzählt: wir haben nämlich 2 neue torwärter die sind aus der bundesliga zu uns gekommen...sie heißen kerstin und luisa : D hihihiii
dein job klingt anstrengent...>.<
und ich ess kein rind mehr;)
hihi
also ich warte auf eine fortsetzung von "riverlands frauenknast"=)
naja soviel aus der heimat
liebste grüße =^.^=
hallo mary, deine berichte sind für mich immer eine wunderbare ergänzung zu willis geschichten. danke besonders für die personenübersicht! jede zukünftige panne wird euch eine handvoll neuer freunde bringen. wovor sollte euch also noch bange sein?
grüße von der willi-mama
höhö ich hab den 100. klick geklickt!*dampfer
;)
danki für den paltz =)))))
*winke
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