Nach tagelangen Fasten bzw. Diäten mit Toast zum Frühstück, Lunch (Mittag) und Abendbrot überraschten uns unsere neuen Gastgeber und gleichzeitigen Arbeitgeber Judy und Marvyn Towers mit einer Einladung zum Abendessen. Sie hatten ein paar Freunde eingeladen und meinten, wir sollten doch auch einfach rüberkommen. Gesagt, getan. Die Towers kann man sich als eingespielte Familie vorstellen, die Eltern beide in den Endvierzigern, eine Tochter mit eigenem Friseursalon und mit einem Sohn, Physik- und Mathestudent (endlich haben wir den schon arg vermissten neuseeländischen Frodo gefunden). Freundlicherweise haben sie uns das zum Spargelfeld dazugehörigen Packhaus überlassen, sodass wir jederzeit auf fließend Wasser, Toilette, Strom und einem Dach über dem Kopf zurückgreifen können. Neuerdings dürfen wir auch ihre Waschmaschine und das Internet mit benutzen, haben uns hier also recht gut eingelebt.
Jedenfalls sind wir besagten Abends zur Runde dazugestoßen und uns erwartete ein Festmahl (verglichen zu 3x täglich Toast ist nahezu alles ein Festmahl) mit Fleisch, Kartoffeln und typisch neuseeländischem Allerlei. Marvyn bot uns auch erstmal ein Heineken an („Trinkst Du auch ein Bier?“ – „Klar, ich bin Deutsche!“ – „Brauchst Du ein Glas?“ – „Wozu? Ich bin Deutsche!“), was – das wirkt jetzt vielleicht nicht ganz so feminin, aber das musste sein – erstmal zügig geleert wurde. Herrlich (es sollten noch einige Heineken folgen). Nachdem wir uns den Wanst vollgeschlagen hatten, nahm man auch eine bequemere Sitzhaltung ein und wie mit einem „Blöp!“ wölbte sich der Bauch schwangerschaftsähnlich nach vorn. Egal – soll schnell würden wir kein Fleisch mehr sehen. Weiter am Abend stand dann das Netball-Finale der Frauen zwischen Neuseeland und Australien an. Netball ist vergleichbar mit Basketball, jedoch ohne Korb und irgendwie verdammt schnell. Da Australien und Neuseeland ein wenig verhasst sind, schnell noch ein paar üble Sprüche gegen Australien und dann gebannt mitgefiebert (das ganze Procedere ist zu mit einem Fußballspiel Deutschland-England oder Deutschland-Holland zu vergleichen). Da Neuseeland dieses Jahr bereits beim Rugby, Segeln und Cricket versagt hat, musste ein Sieg gegen Australien unbedingt her. (Kurze Anmerkung: lässt man im Gespräch mit einem Neuseeländer ein paar abfällige Bemerkungen gegen Australien fallen, ist man auf der Beliebtheitsskala weit nach oben geschossen. Hetzt man dann noch gegen Auckländer, ist man quasi Familienmitglied, denn Auckland ist unter dem Gros der Neuseeländer mehr als verhasst.) Leider kam es natürlich wie es kommen musste, knapp verlor Neuseeland gegen Erzrivalen Australien. So löste sich die Runde dann schnell auf, wir halfen noch ein wenig beim Abwasch und zum Dank haben wir einen Tiegel (bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur einen Topf), Eier und Schinken (man stelle sich vor!) bekommen. Wahnsinn, unser Kühlschrank füllte sich langsam aber sicher, die nächsten Tage gab es dann gerösteten Toast mit Käse überbacken und Schinken, dazu Spargel. Ein Wort über die bedingungslose und nahezu aufopfernde Hilfsbereitschaft der Neuseeländer: sowohl Brenda und Jon als auch Judy und Marvyn haben in ihrer Vergangenheit ähnliche Reisen unternommen und bilden damit auch die Mehrheit. Mittlerweile erscheint es, dass nahezu jeder zweite Neuseeländer mal „overseas“ war, und das überwiegend in Europa. So lässt sich diese Hilfsbereitschaft auch sehr gut erklären, sie geben nun das zurück, was man ihnen selber vor 20 oder sogar noch mehr Jahren zu Teil hat werden lassen. (Inzwischen sind wir auch zum Weihnachtsfrühstück bei der Tochter und zum Lunch bei den Eltern eingeladen).
Weiterhin sind wir ein wenig gefrustet gewesen, denn schnell haben wir festgestellt, dass sich mit Spargelpflücken nur recht wenig Geld verdienen lässt bzw. genug um über die Runden zu kommen und die Lebenskosten zu decken, aber zu wenig, um zu sparen oder gar aufgenommene Kredite für diese Reise zurückzuzahlen. So war recht schnell klar, dass wir einen zweiten Job brauchen. Bloß wo? Für Früchte sammeln bzw. Wein lesen ist es noch zu früh, die Saison beginnt erst Anfang nächsten Jahres, und Spargelsaison läuft gegen Weihnachten aus. Also haben wir unsere Fühler ausgestreckt und unser, mittlerweile sehr weitläufig gespanntes, Informationsnetz aktiviert. Heißt soviel wie: Mundpropaganda- irgendjemand kennt immer jemanden, der gerade arbeitswillige Leute braucht oder solche Farmer kennt- ein großer Vorteil einer Kleinstadt. So haben wir auch wirklich gute Tipps bekommen: zum einen Blumen pflücken und bei den zwei großen Fleischverarbeitungsfirmen der Umgebung sowie einer Bäckerei anfragen. Das hieß für uns Anfang der Woche wieder fleißig auf Jobsuche gehen, so langsam ist man geübt. Blumen pflücken fiel leider sehr ernüchternd aus, alle freien Stellen wurden bereits besetzt- ähnliches bei der Bäckerei. Durch die Weihnachtsferien und der gerade andauernden Semesterferien sind solch „seasonal jobs“ a) sehr begehrt und b) meistens schon vergeben. Also weiter zu den Großfleischereien. Einmal PPCS in Hawera und Riverlands in Eltham (ca. 10min von unserer jetzigen Heimat entfernt). Bei PPCS haben wir leider einen entscheidenden Fehler gemacht und angegeben, dass wir Backpaper aus Deutschland sind und nicht vorhaben, hier länger als nötig zu arbeiten. Sofort wurde an der Rezeption der rote Stift gezückt und genau dies vermerkt. Bei Riverlands haben wir uns da schon geschickter angestellt, auf die Frage hin wie lange wir vorhaben bei ihnen zu arbeiten, antworteten wir wie aus der Pistole geschossen: „Also mindestens März. Wenn nicht sogar länger!“. Gebongt. Früher gehen kann man immer, man muss den Firmen lediglich suggerieren, dass es sich rentiert uns anzuwerben. Also gut, Riverlands. Wir gleich die überall ausliegenden „Application forms“ (Bewerbungsformulare) ausgefüllt (Wer fleißig mitgelesen hat, kennt garantiert noch „Raschem“, unseren emsigen Inder aus der ASB-Bank in Auckland. Dieser hat uns damals mit abertausenden Passwortanfragen überhäuft und uns damit an den Rand des Wahnsinns gebracht. Mittlerweile hat sich das geändert- nun sind es die fast ein Dutzend Seiten umfassenden Bewerbungsformulare mit Lebenslauf, medizinischer Historie und abstrusen Fragen („Können Sie lesen und schreiben“ – „Nein, ich fülle dieses Bogen auf gut Glück aus?!“). Ächz.). Nach dem Ausfüllen bot uns die Sekretärin bei der Anmeldung gleich noch ein Gespräch mit dem Supervisor (ähnlich einem Abteilungsleiter) an, welches sich aber dank Lunchtime um ca. eine Stunde verzögerte. „Maui“, der Supervisor, meinte auch gleich, dass durchaus Bedarf an Stellen ist, sie aber mehrere Bewerber hätten. Es folgten Fragen wie „Könnt ihr ein Messer benutzen?“ – „Hä, bitte wie?“ – „Na ja, manche Bewerber hier haben benutzen Messer lediglich zum Brot buttern.“ - Ohne Kommentar. Manche Dinge muss man nicht verstehen. Und kommentieren schon gar nicht.
In den nächsten Tagen folgte dann der erlösende Anruf – genommen. Yes! Sind dann auch gleich zu Riverlands gefahren, unser Chef wurde uns vorgestellt und uns wurde erklärt, dass wir in der gleichen Schicht und in der gleichen Abteilung arbeiten, was natürlich angesichts Schlafen im Van äußert praktisch ist – schließlich gibt es Tag- und Nachtschicht. Außerdem würden wir vier Tage á 10 Stunden arbeiten und dann vier Tage frei haben. Um den Verdienst ranken sich momentan viele Mythen, viele meinen, dass wir nach unserer Zeit keine finanziellen Sorgen mehr haben bräuchten. Es sind teilweise Summen im Raum, die einen ganz schwindelig machen. Mal sehen, was Letztendendes im Vertrag stehen wird. Die nächste Hürde war dann der medizinische und der Drogentest, erster Test war innerhalb weniger Minuten abgehandelt, der zweite Test wird momentan noch im Labor ausgewertet. Sollte dieser negativ auf Drogen ausfallen (es gibt keinen Grund das Gegenteil anzunehmen) fangen wir kommenden Dienstag bei Riverlands an. Willi wird an der Säge arbeiten (und mit hoffentlich zehn Fingern Neuseeland verlassen) und ich werde Fleisch verpacken. Dem Geruch außerhalb der Anlage nach zu urteilen wird das Ganze eher etwas „yacky“ (findet der Neuseeländer etwas angenehm, lecker, schmackhaft heißt das „Yummy!“, etwas Eklig-abstoßendes wird mit „yacky“ ausgedrückt), aber für Geld macht der Mensch bekanntlich viel, wenn nicht sogar alles.
Apropos Fleisch (ja, heut ist viel Text, aber lest wirklich mal den nächsten Absatz zu Ende, es haut einen Städter, wie wir es sind, glatt vom Hocker). Es wird jetzt ein wenig blutig. Sehr blutig. Heute war Schlachttag (yacky). Auf dem Plan standen eine Kuh und zwei Schafe und natürlich findet man das interessant, sowas hat man ja noch nie gesehen- aber ein wenig flau war mir dennoch. Willi, der das ganze schon auf der Farm von Jenny & Jon gesehen hat, hat mir mehrmals eingeredet, dass man sich das unbedingt mal ansehen sollte- wann sonst bietet sich einem mal die Gelegenheit so etwas beizuwohnen? Mir war dennoch nicht ganz wohl, morgendlich von einem „Muh“ geweckt und abends mit einem „Muh“ in den Schlaf begleitet werden- und nun Schlachtung. Aber schließlich wissen wir ja, wo die Wurst herkommt. Willi kribbelte es schon, ich musste noch ein wenig mit mir hadern. (Ich glaube, Jungs müssen so etwas einfach spannend und faszinierend finden, ansonsten büßen sie wohl einen erheblichen Teil ihrer Männlichkeit ein.). Jedenfalls fuhr dann auch der Schlachter vor, der Truck mit „Home Kill“ beschrieben (wie praktisch- er killt zu Hause vor der Tür) und es steigt aus: ein 1a Anthony Hopkins Verschnitt, mit grau melierten Schläfen, einem kleinen untersetzten Bauch, kantigem Gesicht und zerzaustem Haar. Herrje. Nach kurzem Treiben wurde die „Zielkuh“ in die Enge getrieben und ein Kopfschuss aufgesetzt. Also mir ist echt anders geworden, vorher nur eine Banane gegessen und nun das. Ich beschreibe an dieser Stelle jetzt nicht, wie er weiter vorgegangen ist, ich finde, dass ist an dieser Stelle auch ein wenig deplatziert. Der Schlächter jedenfalls hat seine Arbeit relativ schnell erledigt und als die Kuh als solche auch nicht mehr zu erkennen war, wurde es auch einigermaßen erträglicher. Es ist auf jeden Fall eine Erfahrung, die man nicht unbedingt gemacht haben sollte, aber definitiv prägend ist- in jeglicher Auslegung. Der „fun“, wie es unser Mr Hopkins nannte, war aber noch lange nicht vorbei, zwei Schafe sollten folgen (mir hat die Kuh schon gereicht, nun diese niedlichen, kleinen, ungeschorenen Wollknäuel). Doch Schafe sind irgendwie komisch drauf. Von Todesangst durchströmt und Schreckliches witternd, rotteten sie sich zum Rudel zusammen- und als kein Ausweg mehr zu erkennen war: ab durch die Mitte. Heißt hier soviel wie: ab durch den Zaun- egal wie. Jetzt wurde es verdammt hektisch- alle Schafe pressten sich durch ein, in den stromdurchfließenden Zaun gerissenes Loch und rannten raus auf die Kuhweide. Dortige Zäune waren auch kein wirkliches Hindernis, und dann hieß es: „Ab aufs Spargelfeld!“. Glaubt es oder glaubt es nicht, während Mr Hopkins bereits ein Schaf ausweidete (eins konnte er erwischen), rannten wir den ausgebüxten Schafen quer übers Spargelfeld hinterher. Die Schafe, vollends von Panik angetrieben, trampelten wüst übers Feld, wir, zu viert, hoffnungslos hinterher (ich sah die Schafe schon in Freiheit). Eigentlich war heut unser freier Tag und eigentlich dachten wir, so langsam sei Ruhe einkehrt. Wieso kommt es eigentlich immer anders als man denkt? Also weiter den Schafen hinterher. Haben sie nach ewigen Treiben über mehrere Wiesen wieder Richtung Schlachter getrieben (der war jetzt mit dem ersten Schaf fertig und eilte mit Gewehr übers Feld – irgendwie beängstigend) und dann war auch das zweite Schaf in die Enge getrieben und leichte Beute für Hannibal Lector, der zum Kehlenschnitt ansetzte. Ein grausames Spektakel, die 25-jährige Tochter rannte weinend vom Feld, sie könne sich das nicht mit ansehen, und ich stand auch ein wenig verloren und wie Pik 7 da. Vielleicht werde ich in den nächsten Tagen das Ereignis einzuordnen wissen, jedenfalls etwas, was ich kein zweites Mal mit ansehen muss. Jedoch war es durchaus interessant mit anzuschauen, wie der Schlächter mit Kettensäge & Co. voranging. Und außerdem arbeitet man ja zukünftig bei Riverlands und hat dann hauptberuflich mit Fleisch zu tun. Was man nicht alles für Geld macht.
Wie immer gehen liebe Grüße in die Heimat, heute Abend eine geruhsame Nacht (ja, Hannibal war Kannibale) und tschüss bis zum nächsten Mal sagt
Maria


3 Kommentare:
armes schafi!:(
du hättest es beschützen müssen! : O
wenn du dann wieder hier bist kannst du vor dem grillen selber schlachten und dann tolle schnitzel zuschneiden!^^
hihi
liebste grüße von zu hause(fretchen essen kein fleisch!)
*crrrrrrrrr
Schaffen am Schafott die Schlächter, schlafen schlaffe Schafe schlechter... hi Maria, was soll bloß aus dir werden??? Du kannst doch die lieben Tierchen nicht platt machen - bin echt schockiert! Das liest sich ja wie ein Thriller. Vielleicht solltest du doch anfangen, an deiner Karriere zu basteln; von der Spargelstecherin zur Schlächterin ist ja nicht gerade der Steilaufstieg... (Späßle g'macht) Aber man muss halt nehmen was kommt, gel? Bin immer sehr am Schmunzeln, wenn ich deine Einträge lese; liest sich echt super. Bitte mehr davon! Solltest mal bei der Zeitung anfragen, ob die 'nen gut bezahlten Job für dich haben. Ansonsten bin ich mit deiner Muddel wieder gut in Germany gelandet (leider), der Oman ist ein ganz tolles Land und wir haben viele tolle Sachen erlebt. Leider habe ich schon in der ersten Woche mit einem Seeigel telefoniert; so dass meine Hand für den Rest des Urlaub etwas außer Gefecht war. Das Gute daran war, daß dein Mudchen mir brav dann alle meine schweren Klamotten hinterher getragen hat; nicht schlecht - da konnte ich nicht meckern! Vielleicht können wir diesen Service die nächsten Urlaube ja beibehalten... Hier in Germany ist schon voll der Weihnachtsstreß ausgebrochen und arschkalt ist es auch! Ich hoffe, bei euch kommt nun langsam der Sommer an. Also bis denne, lass es dir gut gehen und sei schön fleißig; wir sind gespannt auf deine nächsten Zeilen Lg Briti
Na prima, du hast ja 'ne feine Tante!!!! Erst streichelt sie beim Fotographieren einer 990. Koralle einen Seeigel und dann muss ich das Ganze auch noch als ihr "Bambel" ausbaden. Da muss ich mir wirklich überlegen, ob ich sie zum nächsten Tauchurlaub mitnehme, zumal sie mich auch noch rüde zur englischen Konversation vorgeschickt hat. So nach dem Motto "Irgendwann musst du das auch noch lernen!" Da nehm ich lieber mein welterfahrenes und perfekt englisch sprechendes Töchterchen mit! Kussis Dein Mudchen
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