Freitag, 25. April 2008

Es muchtet!

Treue Blogleser,

gestern ging offiziell meine Neuseelandrundreise zu Ende. Wohlbehalten sind sowohl Blusterfisch als auch ich abends wieder in Hawera angekommen.

Von Auckland ging es die vergangenen Tage nach Rotorua und dann weiter zurück nach Hawera. In Rotorua angekommen, stand der Besuch eines typischen Maori-Dorfes sowie ein kleiner Spaziergang am Lake Rotorua auf dem Plan. Abends übernachtete ich dann bei Kate's Cousine, die ein Apartmentblock mit Seeblick unterhält. Zum Aufpäppeln gab's Hühnerbrühe und ein kuschlig-warmes Heiabettchen. Nun ja, mir ging es schon schlechter :)
Doch diese wohlige Zwischenstation war angesichts des Plans für den Folgetag auch dringend notwendig: in und um Rotorua gibt es so einiges zu sehen. Nicht nur zu sehen, nein auch zu riechen. Denn, um es mal mit gepflegtem Sächsisch auszudrücken: es muchtet dermaßen, man denkt, es verätzt einem die Atemwege. Faule Eier, überall.
Gut, als erste Station wurde das Maori-Dorf Whakarawera angesteuert, dann ging es weiter ins Waimangu Valley, das ich ca. 2 1/2 Stunden durchwandert habe und schließlich nach Waiotapu, dem selbsternannten "thermalen Wunderland".

Whakarawera, kurz nur Whaka genannt, gibt einen ersten Eindruck auf das, was einen noch später erwartet: es dampft aus Felsspalten, es blubbert in Schlammlöchern und es liegt ein strenger Schwefelgeruch in der Luft. Zwischen alldem wohnen tatsächlich Maoris in einfachen Hütten und gehen ihrem alltäglichem Leben nach. Unvorstellbar. Schon allein die tausenden Touristen, die in organisierten Gruppen durch das Dorf geschleust werden und selbiges wortwörtlich überrollen, würden mir als Dorfbewohner den Rest geben. Vom Gestank ganz zu schweigen.

Weiter dann ins Waimangu Valley, was man auf eigene Faust auf verschiedensten Wanderwegen erkunden kann. Man läuft stets bergab, bis auf einen kleinen Abstecher, der auf eine Anhöhe führt und von der aus man einen tollen Blick übers Tal genießen kann. Am Ende des Tales gelangt man an den Lake Rotomahana mit beeindruckendem Blick auf den zur Zeit ruhenden Vulkan Tarawera (1111m). Ein Bus-Shuttle fährt fußlahme Wanderer nach einer mehrstündigen Wanderung von dort aus zurück zum Ausgangspunkt.
Unterwegs sind wieder Terrassen, dampfende Felsspalten und brodelnde Kraterseen zu bestaunen, dieses Mal aber von einer vielfältigen Flora gesäumt.

Weiter Richtung Süden, nach Taupo, und man gelangt zum Waiotapu "Wunderland", was tatsächlich mit einer atemberaubenden Kulisse aufwarten kann. In einem Rundgang führen kombinierbare Wege durch Waiotapu, wieder stinkts und blubberts an jeder Ecke, Schwefelhöhlen, Krater mit Namen wie "Infernokrater" und giftgrüne Wasserlöcher.
Höhepunkt ohne Frage natürlich der "Champagne Pool" nahe der "Artist Palette", über die ein Holzsteg führt. Am Ende des Rundgang gelangt man zum Lake Ngakoro, einem smaragdgrüner See.

Immer noch den Schwefelgeruch in der Nase habend ging es dann weiter südlich gen Hawera, der neuseeländischen "Heimat" und zurück zum zivilisiertem Leben mit warmem Bett, fließend Wasser, Strom und was die heutige Zeit sonst noch für Luxus mit sich bringt.
Auf eine komplette Auswertung meines Neuseelandaufhaltes dürft ihr Euch Mitte Mai freuen.

Noch ein paar Infos am Rande:
Momentan versuche ich eifrig den Blusterfisch zu verkaufen, was angesichts der Tatsache, dass nun Winter wird und die meisten Touristen/Backpacker das Land verlassen, keine einfache Angelegenheit ist. Zu allem Überdruss hat der kleine Van davon auch noch Wind bekommen und schien wenig glücklich darüber zu sein, dass seine Pflegemutter ihn abstoßen will.
Und so schnappte eines schönen Tages die Türe laut plautzend zu - mit meinem Finger noch drin. Unglücklicherweise hatte ich da aber schon den Bippus heruntergedrückt, sodass die Türe nun abgeschlossen war. Komischerweise bemerkte ich sekundenlang nichts. Ich schaute auf den jetzt eingequetschten Finger und dachte: Mmh, irgendwas an diesem Bild passt nicht. Ehe ich bemerkt habe, dass Schmerzen meinen Körper durchjagen und das der Autoschlüssel, sprichwörtlich der Schlüssel zur Erlösung, auch noch in der Hosentasche auf der Seite des gequetschten Fingers und somit nur artistisch erreichbar ist - Stunden sind verstrichen.
Letztenendes habe ich meinen Zeigefinger doch noch aus den Klauen des Blusterfischs befreien können und nun zeugt nur noch ein blau-purpur-roter Flatschen von diesem "Zwischenfall".

Ansonsten nutze ich nun die freie Zeit um Organisatorisches abzuwickeln und natürlich auch, um den Blog auf Vordermann zu bringen.
Durch Zufall ist mir aufgefallen, dass die Karte, die rechts in der Spalte angeboten wird, bereits ca. 1000 Mal angeklickt worden ist. Und ich sie seit Monaten sträflichst vernachlässigt habe! Dem wurde nun Abhilfe geschaffen, die Karte ist seit Neuestem top aktualisiert (und irgendwie brutal bunt).
Auch die Fotogalerie ist wieder ein wenig angewachsen: Bilder aus und um Rotorua sind zu finden, sowie ein, exklusiv nur für Euch!, Foto von meiner ehemaligen Arbeit im Schlachthaus. Dies als kleines Schmankerl.

Viel Spaß beim Anschauen wünscht wie immer Euer Kiwi-Mädel Maria!


PS: Nur für Dich, mein Papü:

Dienstag, 22. April 2008

Das Philosophische Quartett

Ausnahmsweise mal ohne seinen zwei Protagonisten mitsamt Gästen, die sonst für tiefgründige Konversationen im Öffentlich-Rechtlichen sorgen - stattdessen kommen nun eingefleischte Ur-Kiwis zum Zuge, hitzig debattierend, in Rage gestikulierend und ich mittendrin.

Leidenschaftliche Diskussionen, in denen jegliches Empfinden für Raum und Zeit verloren zu gehen scheinen, kommen immer mal wieder zu Tage.
So auch letztens bei der zweiten Cocktail-Karaoke-Party bei Jenny & Dave im März (Fotos sind in der frisch aktualisierten Galerie zu finden, ansonsten glich die Feierlichkeit der ersten Cocktailparty (zum Nachlesen: Eintrag Kuriositäten aus dem Alltagsleben)): schon leicht angetüdelt hat mich Dave in ein Gespräch verwickelt, und so wurde, von der Party seperariert, innerhalb von zwei Stunden und mehreren Mixgetränken die Weltgeschichte der vergangenen 70 Jahre und die damit zusammenhängenden Auswirkungen auf die heutige Gesellschaft komplett durchgenommen. Auf Englisch. Mit Promille im Blut.
Atommächte und solche, die es werden wollen, Supermächte, Schutzmächte - alles dabei. Klingt kompliziert, war es auch. Nun ja, man kennt es ja, je tiefer ins Glas geschaut, desto kompromissfreudiger wird es, schließlich hört man sich dann selber mehr und mehr beim Reden zu und bestätigt das eben Gesagte mit einem imaginären Schulterklopfen. Bei sprachlichen Barrieren nickt man etwaige Miss- bzw. Unverständnisse einfach lächelnd weg. Um einen produktiven Extrakt des Gesprächsstoffes geht es schon lange nicht mehr; nein, Konsens finden, 1-2-3, Hast Du noch zu trinken oder ist Dein Glas schon wieder leer?, Ach, eigentlich sind sich Kiwis und Europäer ja doch nicht so fremd, eigentlich haben wir uns doch alle lieb.
So weit, so gut.

Nun wird das Ganze aber durchaus spannender: Weltgeschichte bleibt, Tiefgründigkeit sowieso, Englisch erst recht. Aber: kein Alkohol, dafür stellt Euch folgende Situation vor: ihr, seit drei Wochen quasi heimatlos am anderen Ende der Welt, umherreisend in Kälte, Sturm und monsunartigem Regen (dazu später mehr), ohne fließend Wasser und Strom, habt in Auckland endlich ein warmes Bettchen plus Dach überm Kopf gefunden.
Es ist acht Uhr in der Früh und die erste Amtshandlung des Tages besteht darin, Kaffee zu beschaffen. Viel. Heiß. Ohne Zucker, wenig Milch. Ihr schlurft in die Küche, noch etwas umnachtet, automatisiert erfolgt der Griff zur Kanne und - die Kühlschranktür, die die letzte Zutat Milch beherbergt, zum Greifen nah - plötzlich plärrt es durchs Haus: "Good mornin' !", und fünf Minuten später findet man sich, immer noch schlaftrunken, in einer weiteren Diskussion wieder: "Würdest Du Dein Leben so führen wollen, wie es Deine Eltern leben?" - Alarmglocken schrillen, Fangfrage! Nächste Frage? "Wie sieht Dein zukünftiges Leben aus? Schon mal darüber nachgedacht, Dein Konzept komplett über den Haufen zu werfen und so zu leben, wie es Dir in den Sinn kommt? Nein? Warum nicht? Und überhaupt - Amerika... und China erst!". Uff. Mittlerweile ist es gegen Zehn, mein Schädel dröhnt und Ben entschuldigt sich mehrmals dafür, dass er mich "challenged", herausfordert. Das ist ok. Ich habe Kaffee, nur die Uhrzeit, die ist für seine verbalen "Attacken" etwas unglücklich gewählt.

Ben, das ist ein Mitte Vierziger, der mit seiner Frau Kate sowie drei Kindern (16, 12 und 6) in Auckland lebt. Sie sind gut befreundet mit Brenda und John aus New Plymouth, die mir meine derzeitige Gastfamilie "vermittelt" haben.
Bereits letzte Woche war ich wieder auf die Nordinsel zurückgekehrt und habe meine Rundreise fortgesetzt. Über mehrere Zwischenstationen (über Ostküstenstadt Napier ging es landeinwärts zum Lake Taupo und weiter gen Norden) bin ich in Coromandel gelandet, der landschaftlich äußerst reizenden Halbinsel im Norden. Problem: die Jahreszeit. Mittlerweile ist Herbst eingezogen und das bedeutet vor allem eins: Regen. Viel Regen. Es mutet wahrscheinlich banal an, aber was mit ein paar Tropfen begann, entwickelte sich zu einem monsunartigen Guss, wie ich ihn nur selten erlebt habe. Wahnsinn. Ich wurde depressiv, genervt und ein wenig mulmig war mir auch zumute. Mit dem Blusterfisch konnte ich nur noch eine 50 fahren- wie es die Scheibenwischer geschafft haben, die sintflutartigen Wassermassen beiseite zu schaufeln, ist mir ein Rätsel. Es ging nicht mehr. Es regnete permanent, Tag und Nacht - was soll man denn da noch großartig unternehmen bzw. reisen? Kapitulation. Kurzerhand habe ich also Ben in Auckland angerufen, ihm theatralisch meine Situation geschildert und ein paar Minuten später bekam ich den erlösenden Rückruf, dass ich mehr als willkommen sei ein paar Nächte in Auckland zu bleiben. Mir fielen ganze Felsen vom Herzen.

Dies war nun vor ca. einer Woche, inzwischen nimmt man rege am Familienleben teil, Fussballtraining mit dem Kleinsten, Einkaufen im Supermarkt (Stress!) und nicht zu vergessen: morgendliche Debatten mit dem Gastvater und abendliche Gespräche in der Küche mit der Gastmutter, die unter dem ockerfarbenen Pulli auch schonmal ein Che Guevara-Shirt trägt. Aber dennoch: sehr reizende Leute.
Zwischendurch bin ich, als sich das Wetter einigermaßen gebessert hatte, weiter Richtung Norden aufgebrochen. Auf dem Reiseplan standen Cape Reinga (die äußerste Nordspitze Neuseelands) und Kauri-Wälder mit riesigen Kauribäumen, die zum Teil älter als 2000 Jahre sind. Was für ein Abenteuer. Ein Zwei-Tage-Trip, der es durchaus in sich hatte.
Ben warnte mich eindringlich davor, dass das letzte Stück Highway zum Cape Reinga lediglich eine Schotterpiste ist. Klein-Maria nimmt das zur Kenntnis und denkt sich in ihrem sturen Kopf: na ja, das war vielleicht vor mehr als zehn Jahren, mittlerweile ist das doch schon längst asphaltiert, schon allein wegen den Touristenmassen. -Genau.
Auf der Fahrt zum Cape erlaubten mir dutzende Baustellen immer mal wieder einen Blick in meine Reiseführer: "...Ausflugsstrasse [...] Versicherungsschutz für Mietwagen erlischt". Bitte? Das ist nun mehr als ungünstig, wenn man sowas während der Fahrt dahin liest, und nicht davor. Nun gut, dachte ich weiter, der Reiseführer ist ja auch schon ein paar Jährchen alt, so schlimm wirds schon nicht sein, zur Not dreh' ich um. Bitterer Ernst wurde es dann tatsächlich: "Last 21km unsealed.", prangerte ein großes weißes Schild, "die letzten 21km nicht asphaltiert". Na klasse. Im Schneckentempo und mit schwitzigen, grabschenden Finger hielt ich das Lenkrad umklammert, stets sowas murmelnd wie: "Oh liebster Blusterfisch, Du schaffst das, schau, nur noch 15km und der Rückweg, halt durch mein Kleiner". Einen 22 Jahre alten Van ohne Vierradantrieb sollte man nicht zu so einer Tour nötigen. Wirklich nicht.
Zum Glück aber haben mein inständiges Bitten und gutes Zureden geholfen, Stück für Stück kämpften wir uns Richtung Cape. Tatsächlich wurden aber schon Bauarbeiten zur Asphaltierung aufgenommen, sodass man quasi auf einer Schotterpiste, auf der der Versicherungsschutz für Mietwagen erlischt, und später Baustelle neben Planierraupe und Bagger Richtung Nordspitze fährt. Wenn das nichts ist.
Dort angekommen, bietet sich ein wunderschöner Blick über Landschaft, Meer und nicht zuletzt Leuchtturm, fast ohne Touristen (wie auch, ohne Mietwagen, hehe).

Am Folgetag bin ich dann die Westküste entlang wieder Richtung Auckland gefahren und unterwegs habe ich noch einen Abstecher zu den Kauri-Wäldern gemacht. Dort wieder die Wanderschuhe geschnürt und hinein in den Regenwald. Wirklich sehr schön, Touristen Fehlanzeige, man hat die Wälder nahezu für sich allein und das erlaubte eine ausgedehnte Wanderung zu den höchsten und breitesten Bäumen und ein paar weiteren, die noch mehr Superlativen erfüllen.
Abends bin ich dann wieder in Auckland gelandet und habe mich an der Tatsache warmes Bett in Kombination mit Dusche und Abendbrot erfreut.

Morgen geht es in die Landesmitte nach Rotorua, vulkanaktives Gebiet mit brodelnden Seen, Geysiren und vieles mehr, was stinkt und knallt, dann zurück nach Hawera, organisatorische Dinge abwickeln (Blusterfisch verkaufen) und dann sehen wir uns alle ja schon bald wieder :).

In diesem Sinne, Eure Maria

Freitag, 11. April 2008

"Ready for take-off?!"

...Diese Frage habe ich nun etwas eher als geplant zu Ohren bekommen. Eigentlich sollte ich das rhetorische Abklären des "zum Start Bereitseins" erst Mitte Mai vernehmen, wenn es wieder ins gute alte Deutschland geht. Doch irgendwie, ihr kennt die Chose, kommt immer alles etwas anders...

Hallo erstmal liebe Leser, diese kurze Einleitung soll einführen in meine Erlebnisse auf der Südinsel Neuseelands.
Angefangen am Zweiten diesen Aprils ging es mit dem Blusterfisch Richtung Wellington, wo ich anderthalb Tage verbracht habe, um festzustellen, dass es dort nichts zu sehen gibt. Sodann ging es per Fähre auf die Südinsel. Schon das kurze Erblicken der Touristenmassen löste bei mir urplötzlich imaginären Ausschlag aus. Mich fröstelte es.
Nun ja, die Überfahrt an sich ist nun weniger spektakulär, sage und schreibe drei Stunden dauert selbige. Nach dem Anlegen in Picton verließen dann die Massen fluchtartig das Schiff, auf in eine andere Welt, hetzend und drängelnd, wie man es sonst nur bei Schnäppchenangeboten im Supermarkt kennt. Furchtbar- ich war wieder für eine lange Zeit von Menschenmassen geheilt.
Ich fuhr als Erstes Richtung Norden, in den Abel Tasman National Park, mit seinen wunderschönen Stränden rund um die Golden Bay und übernachtete, schon recht weit im Norden der Südinsel, in Collingwood, einem kleinen verschlafenen Nest am Rande des Nationalparks. Trotz der anstrengenden Fahrt über beschwerliche Serpentinstraßen habe ich am Ende des Tages noch die Wanderschuhe geschnürt und mich zu einem kleinen Strandspaziergang mitsamt dem obligatorischen Muschelsammeln aufgerafft. Was Collingwood tatsächlich auszeichnet, ist das, was es nicht hat: Menschen. Mutterseelenallein und nur vom Wind gepeitscht konnte man den schier endlosen Strand entlangwandern und etwas Abstand vom Trubel der letzten Tage gewinnen.
Die folgenden Tage ging es weiter die Westküste entlang, wo es, um ehrlich zu sein, bis auf pfannkuchenartig aufeinandergehäufte Felsblöcke am Strand (Pancake Rocks) nicht wirklich viel zu sehen gibt. Interessant wurde es dann aber doch noch: der Highway, der entlang der Küste entlangverläuft, führt durch die Orte Franz Josef Glacier und Fox Glacier, ehe es landeinwärts über die neuseeländischen Südalpen geht. Diese beiden Orte stehen stellvertretend für die namensgleichen Gletscher, die aus den Alpen Richtung Küste auslaufen. Und hier schließt sich auch der Kreis zur Einleitung: angeködert von einem Absatz im Reiseführer wollte ich unbedingt einen Rundflug über die Südalpen machen, ein Rundflug über die beiden Gletscher sowie Neuseelands höhstem (Mount Cook) und zweithöchstem (Mount Tasman) Berg. Also nichts wie hinein ins Buchungsbüro in Franz Josef Glacier, nach kurzem Smalltalk war dann auch die Geldkarte gezückt und überwiesen. Ach ja, und wann geht der Flug? In einer halben Stunde? Ach, mmh, ja dann, ich hol bloß fix meine Kamera... Nach einem kurzen Trip zu einer außerorts gelegenen Buckelpiste mit dem Schild "Airport" standen dann sechs Hansel verlorenwirkend um eine kleine Propellermaschine herum. Unser Pilot, Tony, exakt genauso, wie man sich einen urigen Piloten vorstellt, ein wenig untersetzt, Vollbart, Hang zu flachen Witzen: "Es kann sein, dass ihr mich teilweise schlecht versteht, aber das liegt am lauten Motor. Wir bevorzugen jedoch, dass der Krach macht." -Hihi. Langsam wurde mir mulmig. Hast Du Dir das auch gut überlegt?
Tony jedenfalls bat nun alle nacheinander zum Einsteigen- bis ich plötzlich allein da stand. "Ach", witzelte er in seiner umwerfend charmanten Art, "Dich habe ich ganz vergessen.". Natürlich nicht, klein Maria durfte auf dem Co-Piloten-Sitz Platz nehmen. Fachmännisch wurde ich vergurtet, mit Kopfhören ausgestattet und meine elegant geschwungene Sonnenbrille verlieh mir den letzten Touch zum authentischen Co-Piloten. Nur mit der Einstellung haderte es etwas. "Ach du meine Güte", wurde es in meinem Kopf unüberhörbar lauter, nur noch vom rasend pochendem Herzen übertönt. Von den anderen Touri-Passagieren wegen des de Luxe-Sitzplatzes mit missgünstigen Blicken bedacht, hätte ich mich jedoch lieber an tausend andere Orte gewünscht. Es gab kein Zurück mehr.
Es war das fantastischste Erlebnis seit Langem. Es waren atemberaubende, absolut überwältigende Minuten über den Wolken, mein Sitzplatz ließ mir uneingeschränkte Blicke über alle Instrumente des Cockpits und die nahezu endlose Bergwelt zu. Traumhaft.
(Bilder folgen demnächst, bitte habt etwas Geduld).

Immer noch die sagenhafte Kulisse im Kopf habend, ging es weiter nach Haast, dem letzten Ort an der Westküste, bevor es über den Haast Pass über die Alpen geht. Und hier nimmt das sogenannte Insomnia-Trauma seinen Lauf. Bettfertig und bereit zum Schlaf habe ich noch schnell die Karte für die nächste Fahrt studiert, als plötzlich mehrere kleine Fliegen ins Innere des Blusterfischs strömten. Diese kleinen Knispen, genannt Sandfliegen, sind ziemlich lästige kleine Beissviecher, die gerade in der Dämmerung nach Blut lechzen. Dass der Van etwas undicht ist, habe ich während starken Regens bereits in Collingwood festgestellt. So war es nicht weiter verwunderlich, dass nun Sandfliegen, trotz geschlossener Fenster und Türen, zu mir hervordrungen. Doch auf einmal wurden es immer mehr: wie eine biblische Plage versammelten sich rund um den Van tausende dieser kleinen tanzenden Punkte. "Ich muss hier weg", schoss es mir durch den Kopf, egal wohin, einfach nur weg. Im Schlafanzug hinters Steuer geklemmt ging es per Bleifuss und einhändig die Straße entlang. Mit der anderen Hand wurden - soweit möglich - Sandfliegen totgeschlagen. Eine Sisyphus-Arbeit. Auf eine totgeschlagene Sandfliegen kamen zehn neue. Dass Sandfliegen eine derbe Plage auf der Südinsel sind, wusste ich bereits vorher, aber in diesem Ausmaß? Sicher nicht.
Weiter die Straße entlang, Richtung Haast Pass. Kurz vor Anbruch der Nacht den Pass der Alpen überkehren, das ist verrückt. Mein Gewissen machte sich wirklich Sorgen. Egal, nur weg von den Fliegen. Mein Gewissen beruhigte ich damit, dass ich, sobald ein kleiner Rastplatz gefunden war, dort übernachte. Gesagt, getan. Man glaubt es kaum, aber in meiner hysterischen Aufgewühltheit habe ich nicht tatsächlich den Himmel auf Erden gefunden?! Einen Campingplatz am Lake Wanaka, kurz hinter Haast Pass, mit Trinkwasserversorgung, Toiletten, Mülleimerchen und Van-Stellplatz direkt am See, eingerahmt von einem kleinen Wäldchen. Ein Traum, dachte ich mir. Preisfrage: Was kommt? Richtige Antwort: Der Schein trügt.
Nach der ganzen Sandfliegen-Anstregung bin ich also schnell nochmal ins klare Bergseewasser gesprungen (ja, es war verdammt kalt, aber das war mir egal) und wieder zum Schlaf ins Bettchen, welches ja immer im Hinterteil des Blusterfischs dabei ist, eingemummelt. Nun döste ich nun langsam in andere Sphären, als ich ein Rascheln vernahm. Einbildung. Rascheln verstärkte sich. Was zur Hölle ist denn nun schon wieder? Doch nicht etwa...? Ich, mein Nervenkostüm zum Zerreißen gespannt, raus aus dem Van, die Hinterluke aufgerissen und meinen Essenbeutel geschnappt, auf den Vordersitz geschleudert und wieder ins Bett gelegt. Plötzlich raschelte es im Beutel, der aber nun auf dem Fahrersitz lag. Reflexartig die Taschenlampe gekrallt und geleuchtet: ein langer, zum Ende auslaufender Schwanz verschwand blitzartig unter dem Vordersitz. Nein! Nicht noch ein Nagetier im Van! Also, in letzter verzweifelter Konsequenz, den Essenbeutel geschnappt und in den Schlafsack zwischen meinen Füßen eingeschlossen. "Da kommst du verfressener Nager nicht mehr ran", triumphierte ich siegessicher. Aber wohl an meinen Schlaf. Das arme kleine süße Mäuschen, dass nun drohte den qualvollen Hungertod zu sterben, gibt sich seinem Schicksal nicht einfach so hin: nein, es forscht in jeder Ecke des Blusterfischs nach Essbarem, wühlt in jedem Beutelchen und raschelt. Und raschelt. Wenn man schon so sensibilisiert ist, steht man bei so einem "Konzert" im Bett. Insofern das im höhenbeschränkten Van überhaupt möglich ist. Das Mäuschen weigerte sich in den nächsten Stunden vehement, den Van zu verlassen. Mir war indes vollkommen schleierhaft, wie es überhaupt eindringen konnte. Nun war es aber einmal drin und suchte eifrig weiter. Es reagierte nicht auf akustische Reize (ohrenbetäubendes Klatschen meinerseits), optische Reize (extremes Blenden mit der Taschenlampe), noch auf liebes Bitten und Betteln. Um herauszufinden, dass einzig und allein das "Erdbebenszenario" (heftiges Ruckeln und Wackeln des Vans) die Maus zur Flucht überreden konnte, vergingen mehrere Stunden kostbaren Schlafs und ich sah am nächsten Morgen dementsprechend "attraktiv" aus.

Ja, und so bestreitet man seine Reise weiter gen Süden, immer mit kleinen Hochs und Tiefs. Landschaftlich ist gerade der äußerste Süden sehr schön anzusehen, besonders die Gegend um Haast Pass und weiter ins Fjördland (Südende), wo auch mehrere Szenen von der einschlägig bekannten Kino-Trilogie rund um einen Kleinwüchsigen mit massiver Fussbehaarung gedreht worden sind.

Mittlerweile bin ich schon wieder auf meinem Weg die Südinsel zu verlassen, die Fähre zurück auf die Nordinsel ist auch schon gebucht. Momentan befinde ich mich in Christchurch und nächtige in einer sechsköpfigen Mädels-WG (ist eigentlich gar nicht so schlimm, wie es sich anhört) und brauche mich, wenigstens im Augenblick, nicht über Sandfliegen oder Mäuse zu ärgern.

Der Blusterfisch, das sei hier kurz angemerkt, hat in den letzten Tagen seinen 200.000 Kilometer-Geburtstag gefeiert und zur Belohnung gehts morgen in die Werkstatt. Er ruckelt beim Beschleunigen ab und zu, ein auf den Weg nach Christchurch befragter Mechaniker meinte, da müssen lediglich ein paar Schräubchen hie und da ausgewechselt werden. Hoffen wir, dass der Mechaniker der Werkstatt, in die ich morgen meinen treuen Weggefährten übergebe, das genauso sieht.

Dank aller Besserungswünsche sei auch nur noch schnell verkündet, dass es meiner kleinen Schnittwunde im Bein auch schon bedeutend besser geht, alles verheilt sehr gut und zügig, keine Infektion oder ähnliches.

Also gut, bis auf Weiteres verabschiedet sich Eure Maria wie immer mit den liebsten Grüßen gen Heimat!

Nachtrag, 11.04.08: Dem Blusterfisch geht es wieder besser, es waren lediglich die Zündkerzen, die erneuert werden wollten. Zuerst wusste der Mechaniker nicht, wo er ansetzten sollte und rechnete mir munter seinen Arbeitsaufwand vor- bis zu 250 Dollar. Vor Schreck stieß ich erstmal einen spitzen Schrei aus und verdrehte die Augen; um dann aber in der nächsten Sekunde das hilflose Rapunzel zu spielen, welches gerettet werden will. Er konnte gar nicht anders als zu beteuern, dass er sein Bestes versucht. Hat geklappt, Preis geviertelt, Rapunzel glücklich.